Markus sah erst zu Alexander, dann zu mir.
„Alle, die heute Dienst haben“, sagte er schließlich.
Alexander legte beide Hände auf die Werkbank. „Das ist keine Liste.“
Markus atmete durch die Nase aus. Ich kannte dieses Geräusch. Er machte es immer, wenn er gleichzeitig nachdachte und hoffte, dass niemand merkte, wie viel er gerade nicht wusste.
„Der Fahrzeugschlüssel war im Schlüsselschrank“, sagte er. „Der Schrank ist elektronisch gesichert. Die Halle hat zwei Zugänge. Vorn über den Empfang, hinten über die Mitarbeitertür.“
„Und wer kann die öffnen?“
„Die Mitarbeiter mit Karte.“
„Dann sehen wir nach.“
Markus antwortete nicht sofort. Wieder diese Pause.
Diesmal war ich diejenige, die zum Büro ging.
„Lena.“
Ich blieb stehen.
„Was?“
„Du fasst jetzt nichts mehr an.“
„Ich will nichts anfassen. Ich will das Zugangsprotokoll sehen.“
Alexander drehte den Kopf zu Markus. „Ich auch.“
Fünf Minuten später standen wir zu dritt vor dem Bildschirm in seinem Büro. Markus rief die Software der Schließanlage auf. Die Liste war banal bis 11:47 Uhr.
Mitarbeitertür geöffnet.
Karte: MASTER 02.
Markus beugte sich näher heran.
„Das kann nicht sein.“
„Warum?“, fragte Alexander.
„Weil die Karte mir gehört.“
„Wo waren Sie um 11:47 Uhr?“
„Beim Teilehändler. Ich bin um kurz nach elf los.“
Ich sah ihn an. „Mit welcher Karte bist du raus?“
Er griff in seine Hosentasche und legte seinen Schlüsselbund auf den Tisch. Eine schwarze Chipkarte hing daran.
MASTER 01.
Markus’ Gesicht wurde blass.
„Die zweite liegt im Schreibtisch.“
Er zog die mittlere Schublade auf.
Sie war leer.
Niemand sagte etwas.
Alexander richtete sich langsam auf. „Sie haben also eine zweite Hauptkarte, mit der jemand heute Mittag die Halle geöffnet hat, während Sie nicht hier waren.“
Markus rieb sich über den Mund.
„Normalerweise liegt sie hier.“
„Wer weiß das?“
„Die Mitarbeiter.“
„Alle?“
„Die meisten.“
Ich dachte an die Mittagspause. An die Werkstattküche. An Sven, der sich beschwert hatte, dass die Kaffeemaschine schon wieder entkalkt werden müsse. An Cem, der um zwölf mit seinem Transporter zur Achsvermessung gefahren war. An Tobias aus dem Lager, der frei hatte.
„Der Schlüssel zum Porsche“, sagte ich.
Markus sah mich an.
Wir gingen zurück zur Software. Der Schlüsselschrank führte ebenfalls Protokoll. 11:52 Uhr: Fach 14 geöffnet.
Benutzer: SERVICE-ADMIN.
11:52 Uhr bis 12:18 Uhr: Schlüssel entnommen.
Um 12:18 Uhr war er zurückgelegt worden.
Alexander stand hinter Markus. „Wer ist SERVICE-ADMIN?“
„Kein Mensch. Das ist ein Sammelzugang.“
„Warum haben Sie so etwas?“
Markus’ Schulter spannte sich.
„Für den Fall, dass das System mit den persönlichen Kennungen ausfällt.“
„Mit welchem Passwort?“
Markus schwieg.
Ich kannte die Antwort.
„Das hängt im Schrank neben dem Rechner“, sagte ich.
Er fuhr herum.
„Lena.“
„Es stimmt doch.“
Alexander schloss für einen Moment die Augen.
„Bitte sagen Sie mir, dass Ihre Kameras wenigstens nicht mit demselben Sicherheitsverständnis betrieben werden.“
Markus öffnete das Kamerasystem.
Die Bilder vom Vormittag liefen sauber. Um 11:44 Uhr sah man mich am Porsche vorbeigehen. Um 11:46 Uhr fuhr Cem mit dem Transporter aus der Halle.
Dann sprang das Bild.
11:48 Uhr.
Schwarz.
12:01 Uhr.
Bild wieder da.
Dreizehn Minuten.
Ich spürte, wie mir die Haut an den Armen prickelte.
„Was steht im Systemlog?“, fragte ich.
Markus klickte tiefer.
Kamera-Server neu gestartet.
Manuelle Sitzung.
Benutzer: SVEN.R.
Markus nahm die Hand von der Maus.
Alexander sah ihn an. „Wer ist Sven?“
In diesem Moment hörten wir draußen eine Metalltür zufallen.
Sven Reuter war seit zwölf Jahren in der Werkstatt. Anfang vierzig, Meisterbrief nie gemacht, aber genug Erfahrung, dass Markus ihn fast alles allein entscheiden ließ. Wenn ich eine Frage stellte, erklärte er mir oft zuerst, warum die Frage dumm war, und erst danach die Antwort.
Er kam durch die Halle, zog sich die Arbeitshandschuhe aus und bemerkte, dass wir ihn ansahen.
„Was ist?“
Markus trat aus dem Büro.
„Wo warst du zwischen Viertel vor zwölf und zwölf?“
Sven lachte kurz. „Mittag?“
„Wo?“
„Hinten.“
„Hinten wo?“
„Im Pausenraum. Dann beim Bäcker.“
Ich sah auf seine Schuhe. Trockener Staub an den Seiten, aber unter der linken Sohle ein kleiner glänzender Fleck. Frisches Montagefett vielleicht. Oder irgendetwas anderes.
Ich zwang mich, nicht hinzustarren.
Markus hielt ihm die schwarze Ersatzkarte hin, die er inzwischen unter einem Stapel Rechnungen im Druckerfach gefunden hatte.
„Kennst du die?“
Svens Gesicht veränderte sich nur für eine Sekunde.
Zu kurz, um es jemandem sicher vorwerfen zu können.
Lang genug, dass ich es sah.
„Klar. Deine Ersatzkarte.“
„Warum lag sie nicht in meiner Schublade?“
„Keine Ahnung.“
Markus drehte den Bildschirm zu ihm.
„Warum wurde der Kamera-Server unter deinem Benutzer neu gestartet?“
Sven sah erst auf den Logeintrag, dann auf Markus.
„Weil sich jeder an meinem Rechner anmelden kann.“
„Mit deinem Passwort?“
„Das steht doch sowieso überall.“
„Dein Passwort steht nirgendwo“, sagte ich.
Sven sah mich an.
„Hat dich jemand gefragt?“
Alexander trat einen Schritt vor. Seine Stimme blieb ruhig.
„Mich interessiert etwas anderes. Haben Sie heute mein Auto angefasst?“
Sven musterte ihn.
„Ich habe an dem Ding diese Woche genug gearbeitet.“
„Heute. Nach elf Uhr.“
„Nein.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn wir die Polizei rufen.“
Markus hob sofort die Hand. „Moment.“
Alexander drehte sich zu ihm. „Nein. Kein Moment mehr.“
„Wir wissen noch nicht, was passiert ist.“
„Drei Befestigungen an meiner Lenkung wurden nach Ihrer dokumentierten Endkontrolle verändert. Ihre Ersatzkarte wurde benutzt, mein Schlüssel wurde anonym entnommen, und exakt in diesem Zeitraum fällt Ihre Kamera aus.“
Sven schnaubte. „Jetzt soll ich also versucht haben, ihn umzubringen?“
Niemand hatte dieses Wort benutzt.
Nicht ich.
Nicht Markus.
Nicht Alexander.
Die Halle wurde still.
Sven merkte es selbst.
Er verschränkte die Arme. „Was denn? Genau darauf läuft das hier doch hinaus.“
Ich sah zu Markus.
Er sah nicht mehr wütend aus.
Er sah erschrocken aus.
Alexander nahm sein Telefon heraus.
„Ich rufe jetzt die Polizei. Und niemand bewegt dieses Fahrzeug.“
Sven machte einen Schritt zurück.
„Das ist lächerlich.“
„Dann wird sich das schnell klären.“
Ich ging zur Werkbank und nahm mein Handy. Ich fotografierte die Schraube, die Späne, die Markierungen und das Prüfprotokoll auf dem Tablet, ohne etwas zu verschieben.
Markus bemerkte es.
„Lena, was machst du?“
„Dokumentieren.“
Zum ersten Mal an diesem Tag widersprach er mir nicht.
Während Alexander telefonierte, fiel mir etwas ein.
„Markus.“
„Was?“
„Die Hebebühne.“
„Was ist damit?“
„Wenn jemand unten an den Wagen wollte, musste er ihn anheben.“
Wir gingen zum Bedienfeld.
Unsere neue Bühne speicherte die letzten Aktivierungen.
11:56 Uhr.
Hoch.
12:11 Uhr.
Runter.
Bedienung über Wartungsschlüssel.
Markus fluchte leise.
Der Wartungsschlüssel hing normalerweise an einem roten Band im Werkzeugschrank.
Wir öffneten ihn.
Der Haken war leer.
Sven stand noch immer hinter uns.
Ich sah auf seine Arbeitshose.
An seinem rechten Gürtel hing ein rotes Band.
Er folgte meinem Blick.
Dann legte er die Hand darauf.













