Alexander setzte sich auf den einzigen freien Stuhl im Büro.
„Ich sollte heute um acht in München sein“, sagte er. „Vor einer außerordentlichen Sitzung.“
Der ältere Polizeibeamte, Krüger, stand ihm gegenüber. „Worum geht es bei der Sitzung?“
Alexander sah kurz zu Markus und mir.
„Firmenintern.“
„Wenn es einen Zusammenhang geben könnte, ist es jetzt nicht mehr nur firmenintern.“
Er schwieg einige Sekunden.
„Wir prüfen Unregelmäßigkeiten bei mehreren Bauprojekten. Überhöhte Rechnungen, doppelte Leistungen, Lieferanten, die wirtschaftlich miteinander verbunden sind.“
„Wer wusste von der Sitzung?“
„Der Aufsichtsrat. Zwei Leute aus der Geschäftsführung. Meine Assistentin.“
„Namen.“
Alexander nannte sie.
Einer blieb mir sofort im Kopf, weil ich ihn schon einmal gehört hatte: Christian Vogt.
Nicht persönlich.
Am Telefon.
Am Vortag hatte ich am Empfang ausgeholfen, weil Nadine früher gehen musste. Ein Mann hatte angerufen und nach dem Porsche gefragt.
„Ist der schwarze 911 von Herrn Kern morgen sicher fertig?“
Ich hatte gesagt, dass ich keine verbindliche Auskunft geben dürfe.
Er hatte nicht aufgelegt.
„Ich bin aus seinem Büro. Er muss um halb sechs los.“
Damals hatte ich nur gedacht, dass der Mann unangenehm drängelte.
Jetzt wurde mir wieder kalt.
„Gestern hat jemand angerufen“, sagte ich.
Alle sahen mich an.
„Wann?“, fragte Krüger.
„Nachmittags. Kurz vor vier, glaube ich.“
„Was wollte er?“
„Wissen, ob der Porsche rechtzeitig fertig ist. Er sagte, er sei aus Herrn Kerns Büro.“
Alexander setzte sich gerader hin.
„Meine Assistentin hätte sich mit Namen gemeldet.“
„Der Mann nicht.“
„Hat er seinen Namen genannt?“
„Nein.“
Krüger bat Markus, die Telefonanlage zu öffnen. Unsere Anlage speicherte eingehende Nummern. Um 15:54 Uhr war ein Anruf von einer Mobilnummer eingegangen. Dauer: drei Minuten acht Sekunden.
Alexander sah auf die Nummer.
Sein Gesicht blieb still.
„Kennen Sie sie?“, fragte Krüger.
„Nein.“
„Dann lassen wir das prüfen.“
Sven stand inzwischen im Aufenthaltsraum mit einem zweiten Beamten. Seine anfängliche Lautstärke war verschwunden.
Krüger wandte sich wieder an mich. „Was haben Sie dem Anrufer gesagt?“
Ich dachte nach.
„Dass der Wagen voraussichtlich fertig wird. Mehr nicht.“
„Haben Sie erwähnt, dass eine Endkontrolle stattfindet?“
„Ja. Ich habe gesagt, dass die Übergabe erst nach der Kontrolle freigegeben wird.“
Markus schloss die Augen.
„Und die Uhrzeit?“
„Nein.“
Dann erinnerte ich mich.
„Aber er fragte, wann bei uns normalerweise die Mittagspause ist.“
Alexander hob den Kopf.
„Warum?“
„Er sagte, er wolle Herrn Kern nicht beim Abholen warten lassen und vielleicht vorher noch etwas abgeben. Ich habe gesagt, dass zwischen halb zwölf und halb eins meistens weniger Leute vorne sind.“
Mir wurde übel.
„Ich habe ihm gesagt, wann es leerer ist.“
Krüger schüttelte den Kopf. „Sie haben eine normale Auskunft gegeben. Entscheidend ist, was jemand damit gemacht hat.“
Ich nickte, aber das half nur wenig.
Markus lehnte sich gegen den Schrank. „Warum hat Sven die Fahrtnotiz eingetragen?“
„Das fragen wir ihn“, sagte Krüger.
Sven wurde wieder hereingebracht. Er setzte sich nicht.
„Christian Vogt“, sagte Alexander.
Svens Blick zuckte.
Nur einmal.
Krüger bemerkte es ebenfalls.
„Kennen Sie den Namen?“
„Nein.“
„Herr Kern hat ihn gerade nur genannt.“
„Dann kenne ich ihn jetzt.“
Alexander stand auf. „Sie lügen.“
Krüger hob die Hand. „Herr Kern.“
Alexander blieb stehen.
„Vor drei Wochen“, sagte er, ohne Sven aus den Augen zu lassen, „hat Christian versucht, die interne Prüfung zu stoppen. Gestern hat er darauf bestanden, dass ich persönlich nach München komme. Mit dem Originalordner.“
Sven sagte: „Was hat das mit mir zu tun?“
„Das will ich wissen.“
Krüger fragte: „Haben Sie Herrn Vogt jemals getroffen?“
„Nein.“
„Mit ihm telefoniert?“
„Nein.“
„Nachrichten ausgetauscht?“
„Nein.“
Jedes Nein kam schneller als das vorherige.
Der Beamte neben Krüger trat zur Tür und sagte leise etwas. Krüger ging zu ihm, hörte zu und kam zurück.
„Die Mobilnummer des gestrigen Anrufs ist auf eine Prepaid-Karte registriert. Das allein sagt wenig.“
Sven lächelte dünn.
Krüger fuhr fort: „Aber die Funkzellendaten werden wir anfordern.“
Das Lächeln verschwand.
Markus setzte sich nun ebenfalls.
„Was passiert mit dem Betrieb?“
„Der Porsche bleibt gesichert. Wir nehmen die relevanten Daten mit. Sie dokumentieren, wer wann Zugang hatte. Und niemand löscht irgendetwas.“
„Natürlich nicht.“
Krüger sah ihn lange an. „Das sage ich nicht aus Höflichkeit.“
Ich ging später mit ihm durch die Halle und zeigte die Computer, den Schlüsselschrank und die Bühne. Am Diagnoserechner fiel mir ein USB-Stick auf, der nicht dort hingehörte. Blaues Plastik, kein Etikett.
„Ist der von Ihnen?“, fragte Krüger.
„Nein.“
Markus verneinte ebenfalls.
Sven sagte aus dem Hintergrund: „Da stecken ständig irgendwelche Sticks drin.“
Krüger nahm ihn nicht heraus. Er fotografierte ihn zuerst und ließ ihn dann von seinem Kollegen sichern.
Am Abend schloss Markus die Werkstatt früher.
Alexander wollte nicht gehen.
„Ich brauche den Wagen nicht“, sagte er. „Ich brauche zu wissen, wer versucht hat, ihn so aus dieser Halle zu bekommen.“
Krüger erklärte ihm, dass die Ermittlungen nicht schneller würden, nur weil er wartete.
Bevor Alexander ging, blieb er vor mir stehen.
„Heute Morgen hätte ich Sie fast angewiesen, zur Seite zu gehen.“
„Ja.“
„Sie haben es trotzdem nicht getan.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Die Markierung war falsch.“
Er nickte langsam. „Gut, dass Sie ihr mehr geglaubt haben als mir.“
Dann ging er.
Markus und ich waren als Letzte in der Halle.
Er setzte sich auf die Kante der Werkbank.
„Du weißt, dass ich dir heute zuerst nicht geglaubt habe.“
„Ja.“
„Ich dachte, du machst aus einem Strich ein Problem.“
„Ja.“
„Und ich hätte den Wagen rausgegeben.“
Diesmal antwortete ich nicht.
Er sah zur leeren Übergabeposition.
„Das werde ich eine Weile nicht vergessen.“
Krüger bat mich, jeden ungewöhnlichen Anruf der nächsten Tage zu melden und nichts über den Fall in sozialen Medien zu schreiben. Markus sagte sofort, er würde mich nach Hause fahren.
„Nicht nötig.“
„Diesmal frage ich nicht.“
Ich wollte widersprechen, sah aber noch einmal auf die Nachricht auf meinem Display und ließ es.
Auf der Fahrt sprach Markus kaum. Vor meinem Haus stellte er den Motor ab und ließ beide Hände am Lenkrad.
„Es tut mir leid.“
„Wofür?“
„Dafür, dass mir am Anfang wichtiger war, dass der Kunde nicht warten muss, als dass ich mir ansehe, was du mir zeigen willst.“
Ich blickte durch die Windschutzscheibe.
„Du wusstest nicht, wie ernst es ist.“
„Nein. Aber ich wollte es auch nicht prüfen, bevor ich es abgetan habe.“
Das war das erste Mal, dass er genau den Punkt traf, der mich wirklich wütend gemacht hatte.
Ich öffnete die Tür.
„Morgen müssen wir trotzdem herausfinden, was passiert ist.“
„Ja.“
„Und mach aus mir keine Heldin.“
Markus runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Weil dann alle über mich reden und keiner darüber, warum unser System das überhaupt zugelassen hat.“
Er schwieg ein paar Sekunden und nickte.
„Abgemacht.“
Mein Handy vibrierte.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Nur ein Satz.
Du hättest einfach still sein sollen.
Ich zeigte Markus den Bildschirm.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.













