Am Donnerstagmorgen lag das Verkaufsdossier noch immer auf Reginas Schreibtisch. Niemand hatte es heimlich durchsucht. Markus hatte lediglich die Telefonnummer des Immobilienbüros notiert und beschlossen, zunächst mit seinem Vater zu sprechen.
„Vater, hast du jemanden gebeten, unser Haus zu verkaufen?“
Herr Adler schüttelte den Kopf so entschieden, dass Markus die Frage nicht wiederholen musste.
„Soll ich herausfinden, was geplant ist?“
„Ja.“
Markus setzte sich neben ihn. Es beschämte ihn, dass er erst jetzt darauf achtete, wie viel Geduld ein Gespräch mit seinem Vater brauchte. Nach dem Schlaganfall dachte der alte Mann nicht plötzlich weniger. Nur der Weg von seinem Gedanken bis zum gesprochenen Satz war mühsamer geworden.
Am Vormittag kam Dr. Mertens, ein Anwalt, den Friedrich Adler seit Jahren kannte. Als Markus seinen Vater mit dem Vornamen ansprach, lächelte der alte Mann kurz. Friedrich: So hatte Regina ihn seit Monaten kaum noch genannt. Sie sprach meistens von „dem Patienten“ oder „deinem Vater“.
Der Anwalt erklärte, dass er mit Friedrich zunächst allein reden wolle. Markus und Helena warteten im Flur, Regina blieb im Wintergarten. Niemand sollte dem Gespräch eine bestimmte Richtung geben.
Nach einer halben Stunde bat Dr. Mertens alle wieder herein.
„Herr Adler hat mir seinen Wunsch deutlich gemacht“, sagte er. „Er möchte derzeit hier wohnen bleiben, die medizinische Versorgung prüfen lassen und keine Verkaufsverhandlungen führen.“
Regina richtete sich auf.
„Sie können doch nicht behaupten, er überblicke sämtliche Folgen.“
„Das behaupte ich nicht pauschal“, erwiderte der Anwalt ruhig. „Falls eine weitreichende Entscheidung ansteht, muss seine Fähigkeit, gerade diese Entscheidung zu verstehen, sorgfältig beurteilt werden. Doch wir haben keinen Grund, seine Äußerungen einfach zu ignorieren.“
Die Villa gehörte laut Grundbuch Friedrich allein. Er hatte sie von seinen Eltern übernommen, lange bevor Markus geboren worden war. Regina war über alltägliche Haushaltsangelegenheiten bevollmächtigt, nicht aber befugt, eigenständig einen Verkauf abzuschließen.
„Ohne die erforderliche wirksame Erklärung des Eigentümers und die notarielle Form gibt es keinen Hausverkauf“, stellte Dr. Mertens klar.
Markus sah zu seiner Mutter. „Warum liegt dann bereits ein Verkaufsdossier auf deinem Tisch?“
„Weil ich Alternativen prüfen wollte. Ist das jetzt auch verboten?“
„Alternativen wofür?“
Regina schwieg.
Dr. Mertens schlug vor, das Büro schriftlich darüber zu informieren, dass Friedrich keine Vermarktung beauftragt hatte. Er wollte außerdem die bestehenden Vollmachten und Kontoberechtigungen prüfen, ohne voreilige Vorwürfe zu erheben.
Friedrich berührte den Ärmel des Anwalts.
„Briefe“, sagte er.
„Welche Briefe?“
Er deutete zur Kommode an der Tür. Dort lag eine flache Schachtel mit ungeöffneter Post. Regina erklärte hastig, sie habe sie für später beiseitegelegt.
Dr. Mertens fragte Friedrich, ob er sie gemeinsam ansehen wolle. Der alte Mann nickte. Markus öffnete die Umschläge nur, nachdem sein Vater ihm einen nach dem anderen gezeigt hatte.
Zwischen gewöhnlichen Rechnungen lag ein Schreiben des Immobilienbüros. Darin wurde für Freitag ein Besichtigungstermin angekündigt. Ein Mitarbeiter hatte den Brief offenbar an den Eigentümer adressiert, obwohl die Gespräche bisher mit Regina geführt worden waren.
„Morgen wollte also jemand durch dieses Haus gehen“, sagte Markus.
„Nur zu einer unverbindlichen Einschätzung“, entgegnete Regina.
Friedrich nahm das Schreiben, betrachtete den Termin und schob es von sich.
„Nicht … mein Wunsch.“
Markus ließ sich von Dr. Mertens dabei helfen, dem Büro die Absage schriftlich mitzuteilen. Es gab keinen Grund, eine fremde Person durch die privaten Räume seines Vaters zu führen, während dieser dem ausdrücklich widersprach.
Als der Anwalt gegangen war, blieb Markus mit seiner Mutter am Esstisch sitzen. Er hatte inzwischen erfahren, dass der Pflegedienst für die ausgefallenen Wochen keine regulären Einsätze berechnet hatte. Die vermeintlichen laufenden Pflegekosten waren also nicht die Erklärung für das Loch auf dem Haushaltskonto, das ihm beim Prüfen der Unterlagen aufgefallen war.
„Ich habe die Kontoauszüge angesehen, zu denen Vater mich ausdrücklich hinzugezogen hat“, sagte er. „Seit drei Monaten werden größere Beträge an ein Unternehmen überwiesen, das mir nichts sagt.“
„Du hast kein Recht, mich zu verhören.“
„Ich verhöre dich nicht. Ich frage, warum Geld vom gemeinsamen Haushaltskonto fehlt, während Vater notwendige Hilfe nicht bekommt.“
Regina fuhr mit der Fingerspitze über den Rand ihrer Tasse.
„Du hast immer gedacht, Geld könne jedes Problem lösen. Du hast deine Überweisungen geschickt, und ich sollte dafür sorgen, dass es ihm gut geht.“
„Ich habe mich darauf verlassen, dass du mir sagst, wenn du Unterstützung brauchst.“
„Und ich habe mich darauf verlassen, dass du nicht nachfragst.“
Die Wahrheit dieses Satzes war für Markus schwerer zu ertragen als ein weiterer Vorwurf. Seine Mutter hatte die Familie organisiert, sein Vater hatte wichtige Entscheidungen getroffen, und er selbst war gegangen, sobald etwas unangenehm wurde.
In der Küche stand Helena am Fenster. Sie hatte ihr Mittagessen unberührt gelassen und sah müde aus. Markus fragte, ob sie sich setzen und später in Ruhe über ihre Arbeitsbedingungen sprechen wolle.
„Ich möchte nicht zwischen Ihre Familie geraten“, sagte sie.
„Sie sind längst hineingezogen worden, ohne es zu wollen.“
„Ich möchte meinen Lohn bekommen, meine Schwangerschaft ohne Angst erleben und Herrn Adler nicht hilflos zurücklassen. Mehr nicht.“
Markus verstand, dass er ihr keine Heldengeschichte zumuten durfte. Sie hatte nicht darum gebeten, die Versäumnisse einer ganzen Familie auszugleichen.
Am Abend kam die Hausärztin nochmals telefonisch auf die neuen Therapietermine zurück. Eine Fachkraft sollte die Schlucksicherheit überprüfen, die Physiotherapie vorsichtig wieder ansetzen. Friedrich hörte die Nachricht mit sichtbarer Erleichterung.
Kurz darauf bat Regina ihren Sohn ins Arbeitszimmer. Diesmal schloss sie die Tür nicht.
Sie hatte eine Bankmappe in der Hand. Ihre Finger umklammerten den Umschlag so fest, dass das Papier knickte.
„Die Zahlungen haben mit meinem Geschäft zu tun“, sagte sie.
Markus wusste, dass sie vor Jahren eine kleine Galerie eröffnet hatte. Zuletzt hatte sie kaum darüber gesprochen.
„Was für Zahlungen?“
„Raten. Eine persönliche Bürgschaft. Ich dachte, ich könnte den Verlust noch auffangen.“
„Mit Vaters Geld?“
Regina wischte sich über das Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Tag war keine Schärfe in ihrer Stimme.
„Die Bank verlangt bis Montag eine Lösung. Wenn das nicht gelingt, wird alles sichtbar, was ich vor euch verborgen habe.“
Markus blickte auf die Mappe. Jetzt ging es nicht mehr nur um den abgesagten Heimplatz. Er musste erfahren, wie weit seine Mutter gegangen war, um eine Krise zu verheimlichen.
Erfahre in Teil 5, warum sie dafür ausgerechnet Friedrichs Versorgung eingeschränkt hatte.












