Markus wartete auf eine Antwort, aber Regina rückte nur die Manschette ihrer Bluse zurecht.
„Nicht vor dem Personal“, sagte sie schließlich.
Helena senkte den Löffel, als würde sie damit eine Grenze überschreiten, die niemand außer ihr sehen konnte.
„Ich kann die Schüssel in die Küche bringen“, flüsterte sie.
„Nein“, antwortete Herr Adler.
Das Wort war schwach, aber deutlich. Markus drehte sich sofort zu ihm.
„Du möchtest, dass Helena bleibt?“
Sein Vater nickte. Dann sah er auf das Essen, das inzwischen kalt geworden war.
Markus spürte, wie ihn die Scham härter traf als seine Wut. Seit Monaten hatte er bei jedem Anruf gefragt, ob es seinem Vater gut gehe. Er hatte die beruhigenden Antworten seiner Mutter gehört und war zum nächsten Termin gegangen.
„Setz dich bitte wieder zu ihm“, sagte er zu Helena. „Wenn Vater weiteressen möchte und es für ihn sicher ist, soll er in Ruhe fertig werden.“
Regina verschränkte die Arme.
„Du weißt nicht, was der Arzt angeordnet hat.“
„Dann zeig mir die Anordnung.“
Sie sah ihn an, als hätte er in ihrer eigenen Wohnung etwas Unzulässiges verlangt.
Helena stellte die Schüssel auf den kleinen Beistelltisch. Sie erklärte, dass Herr Adler nur langsam und in aufrechter Haltung essen dürfe. Eine Logopädin habe ihr vor Wochen gezeigt, worauf sie achten müsse; seitdem halte sie sich an die Hinweise, die damals schriftlich in der Küche gelegen hätten.
„Die Logopädin kommt doch regelmäßig“, sagte Markus.
Helena antwortete nicht.
Es war dieses Schweigen, das ihn endgültig beunruhigte.
„Helena, Sie verlieren Ihren Arbeitsplatz nicht, weil Sie mir eine Frage beantworten. Wann war sie zuletzt hier?“
„Ich weiß es nicht genau. Es ist eine Weile her.“
„Sie müssen doch einen Kalender führen“, warf Regina ein.
„Den Kalender führe ich für meine Aufgaben im Haushalt“, erwiderte Helena. „Die Termine der Pflegekräfte habe ich nicht organisiert.“
Markus bemerkte, dass sie sich bei jedem Satz erst zu seiner Mutter umsah. Ein Mensch, der nur für einen alten Mann gesorgt hatte, musste hier jedes Wort abwägen.
Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben den Rollstuhl.
„Vater, ich möchte dich etwas direkt fragen. Nicht Mutter, nicht Helena. Dich.“
Der alte Mann legte seine rechte Hand auf die Tischkante.
„Gut.“
„Bist du mit der Versorgung zufrieden?“
Sein Vater schüttelte den Kopf. Die Bewegung kostete ihn Mühe.
„Zu … selten.“
„Was ist zu selten?“
„Besuch. Übungen.“
Regina stieß einen tiefen Atemzug aus.
„Er verwechselt die Tage. Seit dem Schlaganfall ist sein Zeitgefühl nicht zuverlässig.“
Markus fragte seinen Vater, ob er eine Pause brauche. Der Mann verneinte und suchte sichtbar nach Worten.
„Helena … kommt. Andere … nicht.“
Die Antwort war kurz. Sie bewies noch nicht, wie viele Termine ausgefallen waren. Aber sie reichte, um das bisherige Bild infrage zu stellen.
Markus bat Helena, beim Essen zu bleiben, und ging mit seiner Mutter in den angrenzenden Wintergarten. Die Tür ließ er offen, damit sein Vater ihn bei Bedarf rufen konnte.
„Du hast mir gesagt, die Betreuung läuft über einen Pflegedienst“, begann er.
„Das tut sie.“
„Du hast außerdem behauptet, Vater wolle keine Übungen mehr, weil ihn jede Anstrengung aufrege.“
„Das war eine Entscheidung zu seinem Besten.“
„Wessen Entscheidung?“
Regina sah hinaus in den Garten. Auf den Wegen lag nasses Herbstlaub.
„Du bist nicht hier, wenn er nachts unruhig wird. Du weißt nicht, wie oft ich wach liege und darauf warte, dass etwas passiert.“
Markus wusste, dass dieser Teil wahr war. Nach dem Schlaganfall seines Vaters hatte Regina viele Nächte im Krankenhaus verbracht. Damals hatte er sie bewundert, weil sie alles zu bewältigen schien.
„Dass du Angst hast, gibt dir nicht das Recht, für ihn zu sprechen“, sagte er.
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie beleidigt.
„Ich habe meine Ehe diesem Mann gewidmet.“
„Und trotzdem muss er gefragt werden.“
Er bat um den Pflegeordner. Regina behauptete erst, er liege im Arbeitszimmer, dann im Schlafzimmer. Schließlich brachte sie eine schmale blaue Mappe.
Vorn steckten ältere Arztbriefe und ein Plan für Schluckübungen. Hinten lagen Rechnungen für Betreuung und Therapietermine. Auf den ersten Blick sah alles ordentlich aus.
Markus blätterte langsamer. Einige Rechnungen waren datiert, aber es fehlten die dazugehörigen Einsatznachweise. Der letzte unterschriebene Besuchsbogen war sieben Wochen alt.
„Wo sind die neueren Bögen?“
„Vielleicht hat jemand vergessen, sie abzuheften.“
„Sieben Wochen lang?“
Regina streckte die Hand nach der Mappe aus. Markus hielt sie fest, ohne sich von seinem Platz zu bewegen.
„Ich beschuldige dich nicht aufgrund eines leeren Ordners“, sagte er. „Aber morgen frage ich den Dienst, welche Termine tatsächlich stattgefunden haben. Mit Vaters Einverständnis.“
Seine Mutter blieb stehen. Einen Augenblick wirkte sie weniger wütend als erschöpft.
„Wenn du alles aufreißt, wird nichts besser.“
„Für wen nicht?“
Aus dem Wohnzimmer hörten sie ein leises Klirren. Markus ging zurück. Helena hatte die Schüssel beiseitegestellt und seinem Vater mit einer Serviette den Mund abgetupft. Er wirkte müde, aber aufmerksam.
„Vater, darf ich morgen mit deiner Ärztin und dem Pflegedienst sprechen?“
„Ja.“
„Und möchtest du, dass Helena bei den Gesprächen dabei ist?“
Herr Adler sah zu der jungen Frau. Sie lächelte kaum merklich.
„Wenn … sie will.“
Helena schluckte. „Wenn Sie meine Hilfe brauchen, bin ich da.“
Sie sagte nicht, dass sie seit drei Wochen Angst vor einer Kündigung hatte. Regina hatte wiederholt behauptet, eine Schwangere sei in der Villa nur noch eine Belastung. Helena hatte bisher geschwiegen, weil sie das regelmäßige Einkommen brauchte und weil sie Herrn Adler nicht allein lassen wollte.
Markus fiel auf, wie vorsichtig sie sich aufrichtete. Er bot ihr an, eine Pause zu machen, und sie nahm zum ersten Mal an diesem Tag das Angebot an.
Als sie das Zimmer verließ, griff sein Vater nach seinem Ärmel.
„Markus.“
„Ich höre.“
„Freitag … nicht.“
„Was ist am Freitag?“
Der alte Mann hob die Hand und zeichnete mit dem Finger eine unruhige Linie auf die Armlehne. Er schien ein Wort zu suchen, das ihm nicht gelang.
Markus reichte ihm ein Blatt Papier und einen dicken Stift. Sein Vater schrieb langsam drei Buchstaben, dann hielt er inne. Markus musste mehrmals hinsehen, bevor er das Wort erkannte.
HEIM.
Unter die Buchstaben setzte sein Vater mit zitternder Hand einen Strich. Dann schüttelte er entschieden den Kopf.
Markus sah zur offenen Tür, hinter der seine Mutter eben verschwunden war. Er hatte von keinem Besichtigungstermin und von keinem Umzug gehört.
Warum also wusste sein Vater von einem Freitag, vor dem er solche Angst hatte?
Lies in Teil 3, was der Pflegeordner und die drei Buchstaben tatsächlich bedeuteten.












