Uwe Jansen lebte inzwischen in einem kleinen Reihenhaus bei Oranienburg. Als die Anwältinnen ihn kontaktierten, wollte er zunächst nichts sagen. Erst nachdem Samuels neue Verteidigerin ihm schriftlich zugesichert hatte, dass sie keine heimlichen Absprachen über eine Aussage verlangte, erklärte er sich zu einem Gespräch bereit. Klara blieb zu Hause. Sie wusste, wie schnell aus Hoffnung die Erwartung werden konnte, dass ein alter Mann sich mit einem einzigen Satz entlasten ließ.
Dominik kam nur auf Jansens ausdrücklichen Wunsch mit. Nora nahm Platz, legte ihr Notizbuch auf den Tisch und erklärte, dass eine spätere Aussage gegenüber den Ermittlungsbehörden nötig sein würde. Jansen war achtundsechzig. Seine Frau stellte Wasser hin und verließ das Zimmer nicht, bevor er ihr mit einem Nicken zu verstehen gab, dass er allein sprechen könne.
„Ich habe Samuel belogen“, sagte Jansen ohne Einleitung.
Dominik schwieg.
„Nicht bei der Übergabe. Da war das Tor abgeschlossen. Ich habe selbst am Riegel gezogen. Aber als die Polizei kam, sagte Vincenzo, ich hätte den Garten gar nicht kontrolliert.“
„Warum haben Sie das übernommen?“, fragte Nora.
„Meine Frau war krank. Ich hatte gerade die Stelle bekommen. Vincenzo sagte, es gebe keine Zukunft für jemanden, der gegen die Familie Moretti aussage.“
Er rieb sich die Hände. „Ich habe mir eingeredet, eine verriegelte Tür würde das Kind nicht zurückbringen. Also sagte ich, ich könne mich an nichts erinnern.“
„Was haben Sie am Gewächshaus gesehen?“
Jansen sah aus dem Fenster, obwohl dort nur die Hecke des Nachbarn stand. „Vincenzo hatte einen Schlüssel. Er schloss auf. Das Mädchen lag auf den Steinplatten, ganz hinten. Sie hatte die Augen geschlossen. Einer ihrer Finger bewegte sich, als er sie anhob.“
„Haben Sie einen Arzt gerufen?“
„Ich wollte. Er sagte, ein Arzt sei unterwegs. Der Vater des Mädchens kam dazu und befahl uns, vor dem Haus die Einfahrt freizuhalten. Ich ging zum Tor. Später fuhr ein dunkler Wagen zum Bootshaus.“
Dominik spürte Übelkeit. „Mein Vater wusste also, wo sie war.“
„Er stand neben der Tür.“
Jansen brachte einen alten Kalender aus einer Schublade. Auf der Seite für den Tag des Sturms hatte er damals den Dienstbeginn, die Kontrollgänge und die Ankunft des Wagens notiert. Es waren knappe Einträge, die er nach eigenem Bekunden aus Angst vor seiner eigenen Erinnerung festgehalten hatte. Sie bewiesen nicht, was mit Emilia geschehen war. Aber sie erklärten, weshalb seine Aussagen nun mehr waren als eine plötzlich erfundene Geschichte.
„Warum schreiben Sie Samuel erst jetzt?“, fragte Dominik.
„Weil ich ihn letztes Jahr im Supermarkt sah. Er konnte die Einkäufe kaum tragen. Er grüßte mich trotzdem. Ich habe in jener Nacht nichts für seine Familie getan, und hinterher hat er mich auch noch grüßen müssen.“
Auf der Rückfahrt sagte Nora, sie werde die Angaben sorgfältig sichern und an die zuständigen Stellen weitergeben. Sie warnte Dominik, selbst eine übereinstimmende Aussage zweier ehemaliger Sicherheitsleute bedeute noch kein abgeschlossenes Verfahren. Zeit, Erinnerung und alte Schriftstücke müssten geprüft werden. Niemand durfte aus einer moralischen Gewissheit eine gerichtliche Tatsache machen, bevor Belege bewertet waren.
Dominik hörte ihr zu. Für den Bruder von Emilia war die Wahrheit längst eine offene Wunde. Für den Mann, der Samuel jahrelang nicht geglaubt hatte, war sie noch dazu eine Verpflichtung.
Klara arbeitete an diesem Abend nicht im Haus. Sie hatte freigenommen, um ihre Mutter zum Vorgespräch für die Knieoperation zu begleiten. Dominik rief sie erst an, als sie zu Hause war, und fragte, ob er ihr etwas über Jansens Aussage erzählen dürfe. Sie bat ihn, langsam zu sprechen, damit ihr Vater mithören könne. Samuel unterbrach nur einmal. Klara bemerkte, dass ihre Mutter im Hintergrund die Küche betrat und für einen Moment stehen blieb. Früher hatte schon das Wort Moretti gereicht, damit sie den Raum verließ. Jetzt zog sie einen Stuhl heran und hörte mit. Nach dem Anruf sagte sie nicht, alles werde gut. Sie fragte nur, ob Samuel am nächsten Tag zu einem Spaziergang mitkommen wolle. Für Klara war gerade diese alltägliche Frage ein vorsichtiges Zeichen dafür, dass die Familie nicht mehr jeden Abend um den alten Prozess kreisen musste.
„Hat Jansen das Tor bestätigt?“
„Ja.“
Ein langes Schweigen folgte. Dann sagte Samuel: „Mehr wollte ich damals von ihm nicht.“
In den nächsten Wochen ließen Samuels Verteidigerin und Nora auf getrennten Wegen die verfügbaren Verfahrensunterlagen prüfen. Das damalige Urteil schilderte Emilia als Kind, das im Sturm das Grundstück verlassen habe. Samuels angeblich offenes Tor bildete den entscheidenden Fehler in dieser Erzählung. Doch in den Unterlagen gab es keinen gesicherten Nachweis, dass das Tor vor Emilias Verschwinden offen gewesen war. Ein Foto zeigte lediglich den später geöffneten Riegel.
Auch die ärztliche Dokumentation erwies sich als weniger eindeutig, als Dominik geglaubt hatte. Der Leichnam war aus dem See geborgen worden; daraus war die Geschichte vom Ertrinken entstanden. Der damalige Befund ließ den genauen Ablauf aber offen. Eine nachträgliche Prüfung konnte nicht einfach feststellen, zu welcher Minute Emilia gestorben war oder ob frühere Hilfe ihr Leben sicher gerettet hätte.
Dominik musste lernen, diese Unsicherheit auszuhalten. Er hatte neun Jahre lang aus einem Fundort eine ganze Geschichte gemacht. Nun durfte er nicht denselben Fehler in umgekehrter Richtung begehen.
Als die Anwältinnen ihre Hinweise bei der Staatsanwaltschaft einreichten, nahm diese Kontakt zu weiteren Beteiligten auf. Darunter war Vincenzo. Er erschien zunächst nicht zum vereinbarten Gespräch. Drei Tage später kam ein Brief an das Anwesen. Darin bot er Dominik eine private Aussprache an, ohne Anwälte und ohne Polizei.
Dominik las den Brief zweimal. Er war versucht, sofort zu ihm zu fahren. Dann zeigte er ihn Nora.
„Sie können sprechen, wenn Sie wollen“, sagte sie. „Aber lassen Sie sich nicht dazu bringen, etwas zu versprechen oder Beweise auszutauschen. Und unterschätzen Sie nicht, wie viele Menschen unter Druck geraten könnten.“
Er entschied sich gegen das private Treffen. Stattdessen schrieb er Vincenzo eine kurze Nachricht: Wenn er etwas über Emilia zu sagen habe, solle er das mit anwaltlichem Beistand gegenüber den Behörden tun.
Am nächsten Morgen lag vor der Gartentür ein Paket ohne Absender. Daniel meldete es und überließ die Sicherung der Polizei. Es enthielt keine Waffe und keine Drohung, sondern einen alten Schlüsselbund und ein Stück Papier mit nur einem Wort: „Bootshaus“.
Es konnte eine Hilfe sein oder ein Versuch, die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dominik rührte nichts an. Als er Klara davon erzählte, fragte sie nicht nach dem Schlüssel.
„Hat Vincenzo endlich erklärt, warum er meine Familie zerstört hat?“
Dominik musste Nein sagen. Aber zum ersten Mal gab es eine konkrete Möglichkeit, den letzten Weg seiner Schwester nachzuzeichnen. Lies in Teil 5, was die Ermittlungen im alten Bootshaus ans Licht brachten.













