Samuel Bergmann öffnete die Tür seiner kleinen Wohnung erst, nachdem Klara zweimal geklingelt hatte. Dominik stand hinter ihr, ohne Fahrer und ohne die Männer, die ihn sonst begleiteten. Er hatte darauf bestanden, allein zu kommen. Klara hatte darauf bestanden, dass ihr Vater darüber entscheiden durfte, ob er ihn überhaupt sehen wollte.
„Du hast ihn mitgebracht“, sagte Samuel.
„Ich habe ihn gefragt, ob er kommen darf. Du kannst Nein sagen.“
Samuel sah Dominik an. Sein Gesicht war schmaler, als Dominik es in Erinnerung hatte. Die Hände zitterten leicht, als er sie an den Türrahmen legte. Nach einem langen Moment trat er zur Seite.
Im Wohnzimmer standen zwei Tassen auf einem Tisch, dessen Oberfläche Klara an manchen Stellen nachgeklebt hatte. Auf dem Fensterbrett lagen Medikamentenschachteln. Dominik dachte an die Räume seines eigenen Hauses, an die verschlossenen Schränke seines Vaters und daran, wie wenig ihn die Folgen des Urteils bislang gekümmert hatten.
„Ich habe mich damals nicht für Sie eingesetzt“, sagte er.
Samuel zog einen Stuhl heran. „Sie waren nicht der Richter.“
„Ich habe Ihrem Urteil trotzdem geglaubt.“
„Das haben viele getan. Setzen Sie sich. Und hören Sie zu, bevor Sie sich entschuldigen.“
Er brachte ein gebundenes Wachbuch, dessen Einband an den Ecken aufgeplatzt war. Während seiner Schicht hatte er darin jeden Kontrollgang notiert. Für Übergaben hatte der zweite Sicherheitsmann, Uwe Jansen, manche Seiten gegengezeichnet. Nach dem Verfahren war das Buch in Samuels Besitz geblieben. Seine Anwältin hatte einzelne Seiten kopiert, aber die Verteidigung war mit den Hinweisen nicht durchgedrungen.
„Um zwanzig Uhr vierzig war das Gartentor verriegelt“, erklärte Samuel. „Ich bin mit Bruno zurück zur Westseite gegangen. Um einundzwanzig Uhr hörte ich ihn bellen. Nicht aus Richtung See. Er lief zum Gewächshaus.“
„Warum sind Sie ihm nicht gefolgt?“
„Das bin ich.“ Samuel deutete auf eine Zeichnung. „Aber Vincenzo stand dort. Er sagte, Emilia sei im Haus und der Hund müsse eingesperrt bleiben. Ich habe gesehen, wie er sich vor der Tür aufrichtete. Er hatte Schnee an den Knien.“
„Haben Sie Emilia gesehen?“
„Nur einen Ärmel, hinter dem beschlagenen Glas. Rot. Ich habe gerufen. Vincenzo hat mir den Weg versperrt.“
Klara schloss kurz die Augen. „Das hast du gemeint, als du gesagt hast, du konntest nicht beweisen, was du gesehen hast.“
Samuel nickte. „Eine Viertelstunde später musste ich zum Tor. Dort stand ein Wagen mit laufendem Motor. Als ich zurückkam, waren im Schnee frische Reifenabdrücke in Richtung Bootshaus.“
Dominik beugte sich über das Wachbuch. „Wem gehörte der Wagen?“
„Ich habe das Kennzeichen nicht gesehen. In dieser Nacht habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe gedacht, ein Mann würde auf seinen eigenen Befehl hören, wenn ein Kind Hilfe braucht.“
„Sie haben doch Hilfe gerufen?“
„Ich habe über das Funkgerät nach Unterstützung gefragt. Vincenzo nahm es mir ab. Er sagte, es gebe eine familiäre Angelegenheit, für die ich nicht zuständig sei. Später behauptete er, ich hätte meinen Posten verlassen.“
Samuel schlug das Buch zu. „Am nächsten Morgen lag Emilia im See. Ausgerechnet das Tor, das ich abgeschlossen hatte, soll offen gewesen sein. Auf den Fotos der Polizei war der Riegel nach oben geschoben. Das konnte ich nicht erklären.“
„Hat Jansen Ihr geschlossenes Tor gesehen?“, fragte Dominik.
„Er hat meine Übergabe unterschrieben. Als es zum Prozess kam, sagte er, er könne sich nicht erinnern.“
Dominik spürte den alten Reflex, Samuel eine großzügige Entschädigung anzubieten, um die Scham schneller loszuwerden. Stattdessen fragte er nach dem Namen des damaligen Verteidigers. Samuel nannte ihn. Nora Seidel, die telefonisch zugeschaltet war, erklärte, Samuel solle eine Anwältin seines eigenen Vertrauens beauftragen. Sie selbst könne Dominiks Interessen beraten, nicht zugleich die Interessen des zu Unrecht Belasteten vertreten.
„Ich will kein Geld für ein neues Schweigen“, sagte Samuel, obwohl Dominik noch keines angeboten hatte.
„Das bekommen Sie auch nicht.“
Klara sah ihrem Vater an, wie viel ihn diese Unterhaltung kostete. Sie hatte ihn als geduldigen Ausbilder erlebt, als Mann, der Hunden mit leiser Stimme Kommandos gab. Seit dem Urteil war er vorsichtig geworden, sogar in der eigenen Küche. Jetzt legte er das Buch wieder auf den Tisch, ohne es verstecken zu wollen.
Auf der Kommode stand ein Foto von Klara an ihrem sechzehnten Geburtstag. Sie hatte ein Kleid getragen, das ihre Mutter selbst gekürzt hatte, und Samuel hatte den Arm um sie gelegt. Das Bild war nur wenige Wochen vor der Verhaftung entstanden. Klara erinnerte sich daran, wie die Nachbarn später über den Gartenzaun hinweg nicht mehr grüßten. Ihre Mutter ging früher zur Arbeit, damit niemand Fragen stellen konnte. In der Schule fragte ein Junge, ob ihr Vater wirklich ein Kind umgebracht habe. Klara hatte damals keinen einzigen Satz gefunden, der ihn zum Schweigen brachte. Heute konnte sie wenigstens die Frage zurückgeben: Wer hatte all die Jahre davon profitiert, dass niemand Samuel glaubte?
„Es gibt noch etwas“, sagte er. „Jansen hat mir vor einem Jahr eine Karte geschickt. Er schrieb, er könne nicht länger jeden November so tun, als wisse er nichts. Eine Telefonnummer stand darauf. Ich habe sie nie gewählt.“
Er holte die Karte aus einer Schublade. Dominik ließ Klara entscheiden, ob sie sie ansehen wollte. Sie las die wenigen Zeilen, dann schrieb sie die Nummer auf einen Zettel für Nora. Niemand rief sofort an; die Anwältin wollte zuerst verhindern, dass eine unüberlegte Kontaktaufnahme spätere Aussagen beeinflusste.
Auf dem Rückweg fragte Dominik, wie lange Klara von dem Buch gewusst habe.
„Seit ich siebzehn bin. Aber ich habe nie verstanden, warum keiner hineinsah.“
„Vielleicht haben manche nicht genau genug hingesehen.“
„Und manche wollten es nicht“, erwiderte sie.
Im Haus erwartete Dominik ein Umschlag von Nora. Sie hatte bereits die ersten Unterlagen angefordert, und ein früherer Auszug aus der Ermittlungsakte war verfügbar. Auf dem Deckblatt der damaligen Vernehmung stand, dass Uwe Jansen das Grundstück vor Mitternacht verlassen habe und daher zum Tor nichts sagen könne.
Samuel hatte gerade erklärt, dass Jansen die Übergabe am Abend unterschrieben hatte. Beides konnte zugleich wahr sein. Doch eine zweite Zeile machte Dominik aufmerksam: Jansen sei nach eigener Aussage bis zum nächsten Morgen überhaupt nicht zum Gewächshaus gegangen.
Auf der Rückseite der Karte an Samuel hatte Jansen dagegen eine kurze Ergänzung geschrieben. Sie bestand nur aus einem Satz: „Ich habe die Tür öffnen sehen.“
Wenn Jansen damals am Gewächshaus gewesen war, weshalb hatte er das vor Gericht verschwiegen? Die Antwort würde eine neue Zeugin oder einen neuen Zeugen aus dem Schatten holen. Erfahre in Teil 4, weshalb Jansen damals geschwiegen hatte.













