Vincenzos Geständnis blieb zwischen den drei Menschen stehen, schwerer als die Novemberkälte. Dominik hörte Bruno atmen und irgendwo hinter dem Haus einen Ast gegen das Glas schlagen. Sonst nichts.
„Sag das noch einmal“, verlangte er.
„Sie war nicht tot, als ich sie fand.“
„Warum wurde mir dann erzählt, sie sei am See ertrunken?“
Vincenzo sah auf Klaras Hände. „Weil wir glaubten, dass es für alle das Beste wäre, bei einer Geschichte zu bleiben.“
Dominik machte einen Schritt auf ihn zu. Daniel, der Sicherheitschef, war gerade aus dem Haus gekommen und blieb am Gartenweg stehen. Ein einziger Blick seines Arbeitgebers genügte, damit er nicht näher trat.
„Wer ist wir?“
„Dein Vater und ich.“
Klara spürte, wie Bruno sich an ihr Bein drückte. Sie hatte ihrem Vater jahrelang Fragen gestellt, auf die er keine Antworten geben wollte. Nun stand ein Mann vor ihr, der offenbar welche kannte, und sprach, als gehe es um einen unangenehmen Geschäftstermin.
„Haben Sie damals einen Rettungswagen gerufen?“, fragte sie.
Vincenzo presste die Lippen zusammen. „Nicht sofort.“
„Wie lange haben Sie gewartet?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„An die Worte können Sie sich erinnern. An die Minuten nicht?“
Zum ersten Mal sah Vincenzo sie direkt an. „Pass auf, Mädchen. Du weißt nicht, was diese Nacht mit uns gemacht hat.“
„Mein Vater war im Gefängnis“, antwortete Klara. „Ich weiß, was die Zeit danach mit uns gemacht hat.“
Dominik griff nach seinem Telefon. Er rief nicht einen der Männer an, die seiner Familie seit Jahren Gefälligkeiten schuldeten, sondern eine Anwältin in Berlin, deren Nummer er von einem früheren Verfahren kannte. Als sie sich meldete, sagte er, sie solle noch heute kommen. Es gebe neue Angaben zu einem Todesfall und möglicherweise zu einem Fehlurteil.
„Wirst du die Polizei gegen deine eigene Familie einsetzen?“, fragte Vincenzo ungläubig.
„Ich werde herausfinden, was mit Emilia passiert ist.“
Er wandte sich an Daniel. „Niemand fasst die Tür an. Niemand räumt im Gewächshaus auf. Mach Fotos von außen und notiere, wer heute hier war. Keine heimlichen Aufnahmen, keine Drohungen.“
Daniel nickte, doch sein Blick wanderte zu Vincenzo. Dominik sah es.
„Du berichtest mir, wenn irgendjemand an diesen Ort will. Auch wenn es ein alter Freund meines Vaters ist.“
Vincenzo zog endlich seinen Mantel über, den Daniel mitgebracht hatte. „Du wirst deiner Schwester dadurch kein Leben zurückgeben.“
„Und Samuel Bergmann bekommst du mit Schweigen seine Jahre nicht zurück“, entgegnete Dominik.
Sie gingen gemeinsam zum Haus. Klara blieb zurück, weil Bruno sich weigerte, dem Weg zu folgen. Er setzte sich vor die Scheibe, als warte er auf jemanden. Erst als sie seine Leine nahm und den alten Befehl leise wiederholte, stand er auf.
In der Bibliothek setzte Dominik sich an den großen Schreibtisch. Dort hatte sein Vater oft gesessen, wenn die Familie zu Besuch gewesen war. Dominik erinnerte sich an dessen Stimme nach Emilias Tod: Sie sei hinausgelaufen, weil Samuel das Tor offen gelassen habe. Den Hund habe man zu spät gefunden. Man dürfe die Sache nicht noch schmerzhafter machen, indem man nach Schuldigen in der eigenen Familie suche.
Er hatte das geglaubt. Nicht blind vor Angst, wie er sich jetzt gern eingeredet hätte, sondern auch, weil es einfacher gewesen war. Samuel war ein Angestellter gewesen; sein Vater hatte alle Antworten geliefert. Dominik hatte sie angenommen und war zur Beerdigung gefahren.
Klara stand in der Tür. „Ich muss meinen Vater anrufen.“
„Natürlich.“
„Er wird mich fragen, warum Sie mit mir im Garten waren. Ich werde ihm die Wahrheit sagen.“
„Du schuldest mir keine andere Antwort.“
Sie verschwand in den Flur. Samuel nahm erst beim dritten Versuch ab. Als Klara seinen Namen aussprach, klang er müde. Als sie das Gewächshaus erwähnte, wurde es still.
„Klara, wo bist du jetzt?“
„Im Haus. Ich bin nicht allein.“
„Geh weg von dort.“
„Papa, Vincenzo hat gesagt, Emilia habe noch gelebt, als sie gefunden wurde.“
Samuel atmete hörbar ein. Dann fragte er etwas, das Klara nicht erwartet hatte.
„Hat er auch erzählt, wohin sie das Mädchen danach gebracht haben?“
Klara stützte sich mit einer Hand gegen die Wand. „Nein. Wohin?“
„Zum Bootshaus. Ich habe die Fahrspuren im Schnee gesehen. Und ich habe sie damals beschrieben. Im Urteil steht kein Wort davon.“
„Warum hast du mir das nie gesagt?“
„Weil ich zu Hause nicht noch einmal vor einem Gericht sitzen wollte. Deine Mutter hat die Nächte durchgeweint. Du warst sechzehn.“
Klara schluckte. „Ich bin jetzt fünfundzwanzig.“
„Das weiß ich.“
Er bat sie, nichts weiter anzufassen und die Adresse einer unabhängigen Anwältin zu verlangen. Seine Stimme wurde ruhiger, sobald er über konkrete Schritte sprach. Er habe alte Notizen, sagte er, aber nicht gewusst, ob sie jemals noch jemand lesen wolle.
Als Klara zurückkehrte, wartete Dominik neben dem Fenster. Sie erzählte ihm vom Bootshaus, ohne Samuels persönliche Worte zu wiederholen.
„Das liegt am anderen Ende des Gartens“, sagte er. „Der Zugang ist heute zugemauert. Mein Vater ließ es nach Emilias Tod schließen.“
„Dann müssen wir herausfinden, wer damals dorthin gefahren ist.“
Dominik nickte. „Und was in den Akten darüber steht.“
Am Nachmittag traf die Anwältin, Dr. Nora Seidel, ein. Sie hörte zunächst Klara, dann Dominik an. Vincenzo hatte das Grundstück inzwischen verlassen; seine Äußerungen waren nur durch das Gedächtnis der Anwesenden gesichert. Nora ließ beide einzeln ein schriftliches Gedächtnisprotokoll anfertigen, mit Uhrzeit und möglichst wortgetreuen Zitaten.
„Ein Hund kann uns an einen Ort führen“, erklärte sie. „Er kann vor Gericht nicht sagen, was vor neun Jahren geschehen ist. Wir müssen Belege suchen, die unabhängig von ihm bestehen.“
Sie riet Dominik, Samuel nicht durch Geld oder öffentliche Versprechungen unter Druck zu setzen. Zuerst müssten sie mit seiner früheren Verteidigung Kontakt aufnehmen und prüfen, was bei den Ermittlungen tatsächlich dokumentiert worden war.
Gegen Abend schickte Samuel seiner Tochter ein Foto aus einem alten Heft. Auf der vergilbten Seite stand eine Skizze des Gartenwegs mit zwei eingezeichneten Reifenspuren. Darunter ein Datum aus jener Winternacht und drei sorgfältig geschriebene Wörter: „Gewächshaus. Bootshaus. Nicht See.“
Klara zeigte das Bild der Anwältin. Nora vergrößerte es und betrachtete die Ecke des Blattes. Dort war neben Samuels Schrift eine zweite Unterschrift zu erkennen, die der ehemalige Sicherheitsmann nicht erwähnt hatte.
„Wer hat das gegengezeichnet?“, fragte Nora.
Dominik beugte sich über den Bildschirm. Er kannte die schwungvollen Anfangsbuchstaben von zahlreichen alten Geburtstagskarten.
„Uwe Jansen“, sagte er. „Er war früher für die Nachtschichten eingeteilt. Ich erinnere mich an die Namensliste.“
Warum war ein zweiter Mann, der die Kontrollgänge kannte, nie als verlässlicher Zeuge aufgetreten?
Die Frage ließ Dominik nicht mehr los. Um herauszufinden, was hinter der Unterschrift steckte, mussten sie Samuel endlich selbst zuhören. Lies in Teil 3, was sein altes Wachbuch verriet.













