„Darf ich Ihr Muttermal sehen?“
Die Frage kam so plötzlich, dass Emilia beinahe den Teller fallen ließ. Sie hatte ihn gerade vor einer elegant gekleideten Frau in einem Hamburger Restaurant abgestellt, als diese aufstand und nach ihrem Arm griff. Am Tisch verstummte das Gespräch. Der Mann neben der Frau sah verwirrt auf.
„Entschuldigung?“, fragte Emilia.
„Ihre Hand. Darf ich sie bitte sehen?“
Emilia drehte die rechte Hand. Auf dem Handrücken lag ein kleines, deutlich herzförmiges Muttermal.
„Natürlich. Das habe ich schon, seit ich ein Baby war.“
Das Gesicht der Frau veränderte sich. Ihre Lippen öffneten sich, aber zunächst kam kein Wort heraus. Dann ließ sie Emilias Arm los, als hätte sie gerade begriffen, wie erschrocken die junge Kellnerin sein musste.
Die Frau hieß Margarete Adler. Zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie versucht, mit einer Erinnerung zu leben, die sie niemals losließ: Ein Feuer in einer Klinik, das plötzliche Verschwinden ihrer neugeborenen Tochter und die Auskunft der Schwestern, das Kind sei gestorben. Einen Leichnam hatte sie nie zu Gesicht bekommen.
Niemand hatte ihr erklären können, warum sie sich nicht verabschieden durfte. Wenn sie daran dachte, sah sie weniger das Feuer vor sich als das kleine Gesicht, das sie zuletzt in ihren Armen gehalten hatte.
Und jetzt stand eine junge Frau vor ihr, deren Hand sie an etwas erinnerte, das sie nie vergessen hatte.
Margarete sank mitten im Restaurant auf die Knie. Ein Stuhlbein scharrte über den Boden, als ihr Mann sich bewegte. Doch sie schaute nur Emilia an.
„Einen Augenblick“, flüsterte sie.
Mit zitternden Fingern öffnete sie ihre Handtasche. Zwischen den Dingen darin fand sie ein altes silbernes Medaillon. Die Oberfläche war vom Tragen glatt geworden. Sie hielt es hoch.
„Haben Sie vielleicht auch so eins?“
Emilia starrte auf den Anhänger. Ihr freundliches Lächeln verschwand. Langsam öffnete sie den obersten Knopf ihrer Uniform und zog eine feine Kette hervor.
An ihr hing ein Medaillon, das genauso aussah.
Für einen Moment hielten beide Frauen ihren Schmuck nebeneinander. Das Silber, die Form, die kleinen Linien an den Rändern: alles stimmte überein.
„Woher kennen Sie das?“, fragte Emilia so leise, dass Margarete sich vorbeugen musste.
Margarete begann zu weinen. Die beiden Medaillons waren einst als Paar angefertigt worden. Eines war für sie gewesen. Das andere hatte man ihrer Tochter am Tag ihrer Geburt um den Hals gelegt. Seit dem Brand hatte sie nie wieder eines gesehen, das dem ihren glich.
Der Mann am Tisch erhob sich abrupt.
„Margarete, das beweist überhaupt nichts“, sagte Thomas Adler.
Seine Stimme klang schärfer, als Emilia erwartet hatte. Er sah nicht das Medaillon an, sondern seine Frau. Margarete hob den Kopf.
„Warum hast du dann solche Angst?“
Thomas antwortete nicht sofort. Sein Blick wurde hart.
Emilia trat einen Schritt zurück und umklammerte die Kette an ihrem Hals. Sie konnte nicht entscheiden, ob sie weglaufen oder mehr erfahren wollte. Das Herz klopfte ihr bis in die Fingerspitzen.
„Meine Pflegemutter hat mir erzählt, dass mich ein Fremder als Baby vor einem Kloster zurückgelassen hat“, sagte sie schließlich.
Margarete wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab.
„Wissen Sie noch, wie dieses Kloster hieß?“
„St. Anna.“
Margarete wurde ganz still.
St. Anna. Genau dort hatte Thomas‘ Schwester vor zweiundzwanzig Jahren gearbeitet. Doch nie hatte jemand eine Verbindung zwischen diesem Kloster und ihrer verschwundenen Tochter hergestellt.
Langsam wandte sie sich Thomas zu.
„Du wusstest, wo sie war.“
Es war keine Frage. Es war der Satz einer Frau, die plötzlich nicht mehr wusste, was sie ihrem eigenen Mann glauben konnte.
Thomas machte einen Schritt auf Emilia zu und griff nach ihrem Arm.
„Wir müssen gehen“, sagte er.
Emilia entzog sich seinem Griff. Ihre Hand schloss sich noch fester um das Medaillon.
„Nein. Ich möchte wissen, was hier passiert.“
Die Worte kamen ihr selbst fremd vor. Vor wenigen Minuten hatte sie nur einen Teller servieren wollen. Jetzt standen eine weinende Frau und deren Mann vor ihr, und beide schienen Dinge über ihr Leben zu wissen, von denen sie noch nie gehört hatte.
Da näherte sich der Restaurantleiter. Sein Gesicht war auffallend blass. Er blickte erst zu Emilia, dann zur Eingangstür.
„Emilia, draußen steht ein Mann. Er fragt nach Ihnen.“
Emilia sah durch die große Scheibe zur Straße.
Am Bordstein wartete ein schwarzes Auto. Daneben stand ein unbekannter Mann, der ein altes Foto in der Hand hielt.
Auf dem Bild war Margarete zu erkennen, mit einem neugeborenen Baby im Arm.













