Die Ohrfeige war so laut, dass selbst die Musiker mitten im Stück aufhörten zu spielen.
Abigail Foster taumelte einen Schritt zurück. Ihre linke Hand schoss sofort zu ihrem Bauch. Im siebten Monat schwanger zu sein machte jede unkontrollierte Bewegung zu einem Risiko.
Das silberne Tablett glitt ihr aus den Fingern.
Sechs Champagnergläser zerschellten auf dem Marmorboden des Grand Atoria Hotels in Hamburg.
Für einen Augenblick herrschte absolute Stille.
Dann blickte Vanessa Sinclair auf die Scherben hinunter.
„Na großartig.“
Sie trug ein silbernes Seidenkleid, dessen Preis vermutlich höher war als Abigails Jahresgehalt. An ihrem Hals funkelten Diamanten.
„Du hättest beinahe mein Kleid ruiniert.“
Abigails Wange brannte. Sie versuchte, ruhig zu atmen.
„Es tut mir leid, gnädige Frau.“
„Natürlich tut es dir leid.“
Vanessa trat einen Schritt näher.
„Leute wie du entschuldigen sich immer erst, wenn sie anderen schon Umstände gemacht haben.“
Abigail senkte den Blick.
Sie wusste genau, mit wem sie es zu tun hatte.
Die Sinclairs gehörten zu den einflussreichsten Familien der Stadt. Richard Sinclair finanzierte Krankenhäuser, Kulturprojekte und politische Veranstaltungen. Bei dieser Wohltätigkeitsgala waren zahlreiche Gäste anwesend, die geschäftlich von seinem Wohlwollen abhingen.
Seine Tochter Vanessa musste niemandem erklären, wie viel Macht ihr Nachname besaß.
Abigail dagegen war nur eine Kellnerin.
Eine schwangere Kellnerin, die ihren Job dringend brauchte.
Langsam ging sie in die Hocke, um die Scherben einzusammeln. Ein stechender Schmerz zog durch ihren unteren Rücken.
„Ich mache das sofort sauber“, murmelte sie.
Vanessa lachte.
„Endlich sagst du mal etwas Vernünftiges.“
Niemand half.
Einige Gäste wandten sich ab. Andere taten so, als würden sie eine Nachricht auf ihrem Handy lesen.
Abigail streckte die Hand nach einem größeren Stück Glas aus.
Dabei bemerkte sie nicht, dass sich ihr Namensschild beim Zurücktaumeln von der Uniform gelöst hatte. Es lag einige Zentimeter entfernt auf dem Marmorboden. Der Kunststoff war an einer Ecke gesprungen.
Plötzlich blieb ein schwarzer Lederschuh direkt neben dem Schild stehen.
Abigail sah auf.
Matteo Romano.
Der Mann, über den in Hamburg niemand besonders laut sprach.
Mit siebenunddreißig Jahren besaß er Luxushotels, Logistikunternehmen und bedeutende Immobilienbeteiligungen. Die Wirtschaftspresse bezeichnete ihn als erfolgreichen Milliardär.
Über seine Kontakte zur organisierten Kriminalität gab es allerdings andere Geschichten.
Matteo war vom Tisch der Hauptsponsoren aufgestanden.
Er sah zuerst auf Abigail.
Dann auf ihre gerötete Wange.
Schließlich auf Vanessa.
Ohne ein Wort zu sagen, ging er auf ein Knie hinunter und hob das beschädigte Namensschild auf.
Einige Gäste wechselten irritierte Blicke.
Ein Mann wie Matteo Romano kniete normalerweise vor niemandem nieder.
Er drehte das kleine Plastikschild zwischen den Fingern.
ABIGAIL FOSTER.
Plötzlich veränderte sich sein Gesicht.
„Sie heißen Abigail?“
Sie nickte unsicher.
„Ja, Herr Romano.“
Er betrachtete sie lange, beinahe so, als suche er in ihren Gesichtszügen nach einer Erinnerung.
Vanessa verschränkte die Arme.
„Matteo, wenn es um die Haftung geht, kann das Management sie einfach ersetzen.“
Er reagierte nicht.
Einer seiner Sicherheitsleute reichte ihm einen neuen Befestigungsclip. Matteo brachte das Schild selbst wieder an Abigails Uniform an. Dabei achtete er darauf, ihren Bauch nicht zu berühren.
Dann richtete er sich auf.
„Entschuldigen Sie sich.“
Vanessa blinzelte.
„Wie bitte?“
„Bei dieser Frau.“
Sie lachte ungläubig.
„Ich entschuldige mich doch nicht bei einer Angestellten.“
Matteos Stimme blieb ruhig.
„Ich habe Sie nicht nach Ihren Gewohnheiten gefragt.“
Richard Sinclair, der die Szene inzwischen bemerkt hatte, kam eilig näher.
„Matteo, wir sollten das vielleicht unter vier Augen klären.“
„Nein.“
Ein einziges Wort.
Richard blieb stehen.
Matteo wandte sich wieder Vanessa zu.
„Sie haben eine schwangere Frau geschlagen.“
„Sie hätte beinahe Champagner über mein Kleid geschüttet!“
„Und das halten Sie ernsthaft für eine Rechtfertigung?“
Vanessa öffnete den Mund, doch zum ersten Mal fand sie keine passende Antwort.
Schließlich sagte sie:
„Du kennst diese Frau doch überhaupt nicht.“
Matteo blickte Abigail an.
Seine Miene wurde weicher.
„Da irren Sie sich.“
Abigail spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Dann sprach Matteo den Satz aus, der den gesamten Ballsaal verstummen ließ.
„Ich suche diese Frau seit fast acht Jahren.“
Vanessa starrte ihn an.
Richard machte keinen weiteren Schritt.
Abigail schüttelte verwirrt den Kopf.
„Da muss eine Verwechslung vorliegen.“
„Nein.“
Matteo sah sie ernst an.
„Vor acht Jahren hatte meine siebzehnjährige Schwester einen schweren Autounfall. Es regnete. Sie wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.“
Abigail wurde plötzlich kalt.
„Sie musste sofort operiert werden“, fuhr Matteo fort. „Ihre Blutgruppe war selten. Die Ärzte hatten Schwierigkeiten, rechtzeitig genug kompatibles Blut zu bekommen.“
Ein Bild blitzte in Abigails Erinnerung auf.
Ein Krankenhausflur.
Der Geruch von Desinfektionsmittel.
Eine Krankenschwester, deren Hände zitterten.
Und ein junges Mädchen, das auf einer Liege lag und kaum noch die Augen offen halten konnte.
Matteo trat etwas näher.
„Sie haben damals Blut gespendet.“
Abigail schlug die Hand vor den Mund.
„Sie haben kein Geld angenommen“, sagte er. „Sie haben nur unvollständige Kontaktdaten hinterlassen und waren verschwunden, bevor meine Familie im Krankenhaus eintraf.“
Er hielt kurz inne.
„Aber meine Schwester hat überlebt.“
Seine Stimme klang plötzlich nicht mehr ganz so sicher.
„Und ich habe nie aufgehört, nach der Frau zu suchen, die ihr das Leben gerettet hat.“
Abigail spürte Tränen in ihren Augen.
Sie erinnerte sich an jenes Mädchen. Damals hatte sie ihr nur helfen wollen. Sie hatte nicht gewusst, aus welcher Familie es stammte.
Neben dem Orchester bewegte sich jemand.
Eine junge Frau mit dunklem Haar trat zwischen den Gästen hervor.
Tränen liefen ihr bereits über die Wangen.
Abigail erkannte ihre Augen.
Isabella Romano.
Das Mädchen aus dem Krankenhaus war inzwischen erwachsen.
Isabella blieb vor ihr stehen.
„Du hast damals meine Hand gehalten“, flüsterte sie. „Du hast gesagt, dass alles gut wird.“
Abigail konnte nichts mehr erwidern.
Doch während Isabella weinte, bemerkte sie hinter Vanessa eine weitere Veränderung.
Richard Sinclair sah nicht länger nur peinlich berührt wegen seiner Tochter aus.
Er war blass geworden.
Sein Blick ruhte auf Matteo, als hätte dessen Erzählung eine Erinnerung geweckt, die Richard um jeden Preis verborgen halten wollte.
Und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte einer der mächtigsten Männer Hamburgs nicht mehr mächtig.
Sondern verängstigt.













