Lukas folgte Vanessas Blick, ohne Klaras Hand loszulassen.
In der ersten Reihe saß seine Mutter Ingrid, aufrecht in ihrem dunkelgrünen Kostüm, die Hände auf der kleinen Handtasche verschränkt.
Als sie merkte, dass ihr Sohn sie ansah, senkte sie den Kopf.
Lukas kannte diese Bewegung seit seiner Kindheit: Ingrid tat sie immer dann, wenn sie etwas wusste, aber auf eine bessere Gelegenheit zum Reden hoffte.
„Mama?“, fragte er.
Ingrid stand auf, blieb jedoch zwischen den Kirchenbänken stehen.
„Lukas, wir sollten das nicht vor allen Leuten besprechen.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen.
Vanessa griff fester nach seinem Ärmel.
„Siehst du? Deine Mutter versteht wenigstens, dass man solche Dinge nicht in aller Öffentlichkeit klärt.“
Lukas zog seinen Arm weg.
„Ich habe niemanden hierhergebeten, um über Klara abzustimmen.“
Er wandte sich an den Pfarrer.
„Es wird heute keine Trauung geben. Es tut mir leid, dass Sie und die Gäste umsonst gekommen sind.“
Der Pfarrer sah zuerst Klara an, dann nickte er.
„Soll ich einen Raum für Sie öffnen?“
„Bitte. Einen, in dem meine Tochter nicht alles hören muss.“
Lukas‘ Schwester Johanna saß zwei Reihen hinter Ingrid.
Sie stand bereits im Mittelgang und öffnete die Arme, ohne auf Klara zuzugehen.
Seit dem Tod von Klaras Mutter Miriam vor drei Jahren war Johanna diejenige gewesen, bei der Klara auch an schlechten Tagen freiwillig übernachtete.
„Möchtest du mit Tante Johanna in den kleinen Garten gehen?“, fragte Lukas.
Klara blickte zu den beiden Frauen und schüttelte heftig den Kopf.
„Du kommst aber wieder?“
Lukas ging erneut in die Hocke.
„Ich bleibe in diesem Gebäude. Und wenn du nicht mitgehen willst, bleiben wir zusammen.“
Erst nachdem Johanna einen Kakao aus der Küche versprochen hatte und Lukas ihr zeigte, welches Fenster zum Garten führte, ließ Klara seine Hand los.
Sie nahm den zerknitterten Saum ihres Kleides zwischen zwei Finger und ging neben ihrer Tante her.
Nicht ein einziges Mal schaute sie zu Vanessa zurück.
Im kleinen Besprechungszimmer hinter der Sakristei wartete Lukas, bis Ingrid und Vanessa eingetreten waren.
Die Kirchenglocken schlugen elf.
Er stellte den Zettel auf den Tisch, als wäre er etwas Zerbrechliches.
„Jetzt“, sagte er, „möchte ich von euch beiden hören, was geplant war.“
Ingrid strich eine unsichtbare Falte aus ihrem Rock.
„Vanessa und ich haben überlegt, ob Klara für eine Weile bei mir wohnen könnte.“
„Für wie lange?“
„Ein paar Wochen. Bis ihr nach der Hochzeit wieder einen normalen Alltag habt.“
„Und wann wolltest du mich fragen?“
Ingrid schwieg.
Vanessa setzte sich und legte den Brautstrauß neben die Tür.
„Du hast doch selbst gesagt, dass die letzten Monate anstrengend waren.“
„Anstrengend“, wiederholte Lukas.
„Das heißt nicht, dass meine Tochter wegmuss.“
„Niemand hat von wegmüssen gesprochen“, entgegnete Vanessa.
„Es sollte eine Entlastung sein.“
Lukas schob ihr den Zettel hin.
„Da steht: Sie kommt nicht zu Lukas zurück. Was bedeutet das in deinen Augen?“
Vanessa betrachtete das Papier, ohne es anzufassen.
„Es war unglücklich formuliert.“
„Dann formuliere es jetzt richtig.“
Ingrid nahm langsam Platz.
„Mir wurde gesagt, Klara würde dich vielleicht weniger vermissen, wenn sie die ersten Wochen ohne ständige Besuche übersteht.“
Lukas sah seine Mutter an.
„Wessen Idee war das?“
„Vanessa meinte, du würdest nachgeben, sobald du sehen würdest, dass Klara sich bei mir einlebt.“
Vanessa richtete sich auf.
„Ingrid, du hast es doch genauso gewollt!“
„Ich wollte meiner Enkelin helfen“, sagte Ingrid.
„Ich habe geglaubt, es ginge um drei oder vier Wochen. Von einem dauerhaften Umzug war nie die Rede.“
Lukas ging zum Fenster.
Draußen standen Gäste in festlicher Kleidung auf dem Kiesweg und telefonierten.
Eben noch hatte er sich auf die Ringe und die Musik konzentriert.
Nun fragte er sich, wie viele Gespräche über das Leben seiner Tochter geführt worden waren, während er an Tischplänen gefeilt hatte.
„Wer sollte Klara vom Seiteneingang abholen?“
„Tanja“, sagte Vanessa.
„Die Babysitterin. Sie war für den ganzen Nachmittag gebucht.“
„Und sie wusste, dass ich nicht informiert bin?“
Vanessa antwortete nicht sofort.
„Sie sollte einfach ihre Arbeit machen.“
Lukas rief Tanja an.
Die junge Frau nahm nach dem zweiten Klingeln ab und erklärte, sie warte noch vor der Kirche, weil sie nicht gewusst habe, ob sie gehen dürfe.
Er bat sie, ins Besprechungszimmer zu kommen.
Tanja erschien ohne Mantel, die Tasche fest an ihre Seite gedrückt.
Ihr Blick glitt über die Braut, den Bräutigam und Ingrid.
„Entschuldigung“, sagte sie zu Lukas.
„Als Vanessa von einer Fahrt zu Ihrer Mutter gesprochen hat, dachte ich, Sie hätten das abgesprochen. Heute Morgen hieß es dann plötzlich, ich dürfe Sie vor der Abfahrt auf keinen Fall fragen.“
„Warum haben Sie nicht nachgefragt?“
„Das habe ich. Zweimal.“
Sie schluckte.
„Ich habe gesagt, dass ich Klara nicht irgendwohin bringe, wenn ihr Vater nichts davon weiß. Daraufhin hat Vanessa diesen Zettel geschrieben und gesagt, es gäbe eine Vollmacht.“
„Eine Vollmacht?“, fragte Lukas.
Vanessa wurde unruhig.
„Das ist ein großes Wort für eine ganz normale Betreuung.“
Tanja schüttelte den Kopf.
„Sie wollten, dass ich Klaras Koffer mitnehme. Und Sie haben gesagt, Herr Weber würde die Papiere später schon akzeptieren.“
Lukas erinnerte sich an die zwei Kartons im Flur zu Hause.
Vanessa hatte ihm erzählt, sie sortiere Spielzeug aus, das Klara nicht mehr benutze.
Auch die kleine Reisetasche, die seit Tagen auf der Garderobe lag, erschien ihm plötzlich in einem anderen Licht.
„Wo sind diese Papiere?“
Tanja deutete zur Tür.
„In der blauen Mappe im Brautzimmer, soweit ich weiß. Ich sollte die Mappe zusammen mit dem Koffer holen.“
Vanessa sprang auf.
„Tanja, das reicht.“
„Nein“, sagte Lukas.
Er bemühte sich, leise zu sprechen.
„Es reicht erst, wenn ich weiß, was ihr mit meinem Kind vorhattet.“
Ingrid begann zu weinen, aber Lukas konnte gerade nicht die Rolle des tröstenden Sohnes übernehmen.
Er bat Tanja, ihm ihre Nachrichten mit Vanessa aufzubewahren und ihm später eine sachliche Zusammenfassung zu schicken.
Dann ging er hinaus, um Johanna und Klara zu suchen.
Im Garten hockte Klara neben einem Vogelbad.
Johanna zeigte ihr, wie ein Spatz im flachen Wasser badete.
Als Klara ihren Vater sah, lief sie zu ihm.
„Fahren wir nach Hause?“
„Ja. Sobald ich etwas geklärt habe.“
„Mit Vanessa?“
„Nein. Heute nicht.“
Klara atmete so hörbar aus, dass Lukas erschrak.
Er hatte dieses Aufatmen verdient, weil er endlich widersprochen hatte.
Aber er fragte sich, wie lange seine Tochter zuvor die Luft angehalten haben musste.
Johanna erklärte sich bereit, mit Klara im Garten zu bleiben, während Lukas die Mappe holte.
Im leeren Brautzimmer stand auf einer Kommode ein hellblauer Ordner mit Klaras Namen.
Er war nicht verschlossen.
Obenauf lag ein Blatt mit einer Unterschrift, die wie seine aussah.
Lukas konnte nicht behaupten, zu wissen, was darin stand.
Doch eines wusste er: Er hatte nie eine Vollmacht unterschrieben, mit der jemand seine Tochter heimlich fortbringen durfte.
Was hatte Vanessa unter seinem Namen vorbereitet?
Lies in Teil 3, was in der Mappe steht und wie Vanessa ihre Entscheidung rechtfertigt.













