„Unser Sohn will dich nicht sehen! Wie oft muss ich dir das noch sagen?“
Mein Ex-Mann stand im Türrahmen und hielt die Haustür mit einer Hand fest. Mit der anderen zeigte er auf den Gehweg.
„Verschwinde, Anna.“
Ich bewegte mich nicht.
„Ich will nur fünf Minuten mit Jonas sprechen.“
„Er ist 23. Er entscheidet selbst, mit wem er Kontakt haben möchte.“
Matthias sah mich an, als wäre ich eine Fremde, die ihn seit Jahren belästigte.
Vielleicht war ich das in seinen Augen längst geworden.
Mein Name ist Anna Bergmann. Ich bin 46 Jahre alt und habe meinen Sohn zum letzten Mal richtig gesehen, als er acht war.
Fünfzehn Jahre.
So lange hatte ich darauf gewartet, ihn wieder in die Arme schließen zu dürfen.
Und jetzt stand ich vor einem Reihenhaus in Bremen, nur wenige Schritte von dem Mann entfernt, der mir all die Jahre erzählt hatte, Jonas wolle nichts mehr mit mir zu tun haben.
„Bitte, Matthias. Sag ihm wenigstens, dass ich hier bin.“
Er lachte kurz.
„Glaubst du wirklich, dass er nach allem, was passiert ist, mit dir reden will?“
Ich hatte diesen Satz schon unzählige Male gehört.
Nach unserer Trennung war Matthias mit Jonas weggezogen. Was zunächst als vorübergehende Regelung begonnen hatte, entwickelte sich zu einem Kampf, bei dem ich meinen Sohn immer seltener sah.
Ich schrieb Briefe. Ich rief an. Ich suchte Hilfe bei Beratungsstellen und einem Anwalt.
Aber jedes Mal, wenn ich glaubte, wieder einen Weg zu Jonas gefunden zu haben, änderte sich etwas.
Eine Adresse stimmte nicht mehr. Ein vereinbarter Termin platzte. Matthias behauptete, Jonas sei krank oder wolle mich nicht sehen.
Irgendwann bekam ich Nachrichten von einer Handynummer, die angeblich meinem Sohn gehörte.
Anfangs waren es kurze Antworten.
Mir geht’s gut.
Ich will nicht telefonieren.
Später wurden die Sätze länger.
Bitte hör auf, mich zu bedrängen.
Ich brauche Abstand.
Ich wusste, dass Kinder nach einer schwierigen Trennung verletzt und wütend sein können. Deshalb versuchte ich, den Abstand zu respektieren.
Aber ich hörte nie auf, an ihn zu denken.
An jedem Geburtstag schrieb ich ihm.
Zu Weihnachten.
Wenn ich etwas sah, das ihn als kleinen Jungen begeistert hätte.
Manchmal bekam ich eine Antwort. Manchmal erst Wochen später.
Aber eines blieb all die Jahre gleich.
Jonas rief nie zurück.
Er schickte kein einziges Video. Keine Sprachnachricht. Nicht einmal ein aktuelles Foto.
Immer nur Text.
Als ich ihn einmal direkt danach fragte, schrieb er:
Ich möchte nicht, dass du meine Stimme hörst.
Damals dachte ich, er sei einfach noch zu verletzt.
Heute weiß ich, wie sehr ich mir gewünscht hatte, diese Erklärung glauben zu können.
Vor drei Tagen hatte mir eine alte Bekannte erzählt, Matthias wohne inzwischen wieder in Bremen. Sie hatte ihn zufällig gesehen und kannte die Straße.
Ich suchte seine Adresse und fuhr hin.
Ich wollte nicht streiten.
Ich wollte nur endlich wissen, ob mein Sohn wirklich selbst entschieden hatte, mich aus seinem Leben auszuschließen.
„Ist Jonas überhaupt hier?“, fragte ich.
Matthias verschränkte die Arme.
„Das geht dich nichts an.“
„Du hast mir doch letzte Woche geschrieben, er sei bei dir gewesen.“
Er runzelte die Stirn.
„Ich habe dir letzte Woche überhaupt nicht geschrieben.“
„Nein. Jonas hat mir geschrieben.“
Für einen Moment blickte Matthias auf meine Handtasche.
Dann hob er das Kinn.
„Dann frag ihn doch selbst.“
Es war nur ein Satz.
Aber irgendetwas an seiner Stimme ließ mich plötzlich aufhorchen.
Ich erinnerte mich an eine Nachricht von vor zwei Monaten.
Damals hatte ich Jonas gefragt, ob er zum Geburtstag ein Paket von mir annehmen würde.
Die Antwort war gekommen, kaum dass ich das Haus verlassen hatte.
Ich will keine Geschenke von dir.
Wenig später hatte Matthias mich angerufen und fast genau dieselben Worte benutzt.
Zufall, hatte ich damals gedacht.
Jetzt sah ich ihn an und fragte mich, woher er immer so genau wusste, was zwischen mir und Jonas geschrieben wurde.
„Gut“, sagte ich.
Ich nahm mein Handy aus der Tasche.
Matthias sah auf den Bildschirm.
„Was soll das jetzt?“
„Ich schreibe ihm.“
„Lass das.“
Seine Stimme war plötzlich schärfer.
Ich öffnete die Unterhaltung, die ich seit fünfzehn Jahren unter dem Namen Jonas gespeichert hatte.
Die letzte Nachricht war erst zwei Tage alt.
Bitte komm nicht zu mir. Ich will das nicht.
Ich hielt die Taste für eine Sprachnachricht gedrückt.
„Jonas, ich bin hier.“
Dann ließ ich los und schickte die Nachricht ab.
Matthias machte einen Schritt auf mich zu.
„Anna, hör endlich auf damit!“
In diesem Augenblick ertönte ein Benachrichtigungston.
Nicht von meinem Handy.
Aus seiner Jackentasche.
Ich erstarrte.
Matthias ebenfalls.
Er presste die Hand gegen die Tasche, als könnte er das Geräusch ungeschehen machen.
„Was war das?“, fragte ich.
„Eine Nachricht.“
„Von wem?“
„Das geht dich nichts an.“
Ich sah auf mein Handy.
Neben meiner gerade verschickten Sprachnachricht erschien die Zustellbestätigung.
Matthias wandte sich zur Haustür.
„Ich habe jetzt keine Zeit mehr.“
„Zeig mir dein Handy.“
„Spinnst du?“
Er wollte die Tür schließen.
Ich hielt eine Hand gegen das Türblatt.
„Matthias. Bitte.“
Vielleicht war es mein Tonfall. Vielleicht die Tatsache, dass ich zum ersten Mal nicht weinte oder ihn anflehte.
Jedenfalls zog er das Telefon aus der Jacke.
Es war ein älteres Smartphone mit einer schwarzen Hülle.
Er warf einen Blick auf den Bildschirm und versuchte hastig, die Nachricht zu schließen.
Dabei entsperrte er das Gerät.
„Das ist nichts, was dich angeht.“
Ich sah meinen Namen.
Anna Bergmann.
Darunter war das Symbol einer gerade eingegangenen Sprachnachricht.
Ich kannte dieses Symbol.
Ich hatte es wenige Sekunden zuvor auf meinem eigenen Bildschirm gesehen.
„Warum bekommst du seine Nachrichten?“, flüsterte ich.
Matthias antwortete nicht.
Ich machte einen Schritt näher.
Er wich zurück, stieß mit dem Ellbogen gegen die Tür und verlor das Handy aus der Hand.
Es fiel auf die Fußmatte.
Ich hob es auf, bevor er sich danach bücken konnte.
Der Bildschirm war noch entsperrt.
Die Unterhaltung stand offen.
Meine Nachrichten.
Meine Geburtstagswünsche.
Meine Fragen, ob Jonas gesund sei.
Und dazwischen die Antworten, die ich all die Jahre für die Worte meines Sohnes gehalten hatte.
Ich will dich nicht sehen.
Hör auf, mir zu schreiben.
Du hast mich damals allein gelassen.
Mir wurde schwindelig.
Matthias streckte die Hand aus.
„Gib mir sofort das Telefon.“
Ich konnte mich nicht bewegen.
Fünfzehn Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Sohn würde mich hassen.
Fünfzehn Jahre lang hatte ich mich gefragt, was ich tun könnte, damit er mir wenigstens eines Tages verzeihen würde.
Und jetzt stand vor mir der Mann, der diese Nachrichten offenbar selbst verwaltet hatte.
„Du warst das?“, fragte ich.
Matthias‘ Gesicht verlor jede Farbe.
Er griff nach dem Handy, doch ich hielt es fest.
„Anna, du verstehst das nicht.“
„Dann erklär es mir.“
Er sah zur Straße, dann zurück zu mir.
„Nicht hier.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Keine Ausreden mehr.“
Meine Stimme zitterte, aber ich ließ den Blick nicht von ihm.
„Wo ist Jonas, Matthias?“
Er öffnete den Mund.
Doch es kam kein Wort heraus.
Und zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren hatte ich nicht mehr nur Angst, dass mein Sohn mich nicht sehen wollte.
Ich hatte Angst davor, herauszufinden, warum ich ihn all die Jahre nicht hatte erreichen können.













