Das Sirenengeräusch wurde lauter, dann verstummte es unmittelbar vor dem Haus.
Ich stand noch immer neben dem Schreibtisch und starrte auf die Nachricht, die auf Daniels Laptop erschienen war.
Meine erste Bewegung war, zum Telefon zu greifen und Viktorias Namen im Internet zu suchen.
Doch ich hielt inne.
Wenn dieses Gerät Hinweise auf die gefälschten Unterschriften enthielt, durfte ich nicht aus Neugier darin herumklicken und später nicht mehr wissen, was ich verändert hatte.
Ich fotografierte lediglich die beiden offen sichtbaren Benachrichtigungen mit meinem eigenen Handy und trat vom Tisch zurück.
Von draußen kamen gedämpfte Stimmen.
Jemand klingelte, ein Mann meldete sich als Polizeibeamter, und Daniel begann sofort laut zu erklären, dass es sich um einen Familienkonflikt handele.
„Meine Frau ist überreizt“, hörte ich ihn sagen. „Sie hat sich in einem Zimmer eingeschlossen und droht damit, unser gesamtes Leben zu ruinieren.“
Die Antwort konnte ich nicht verstehen.
Kurz darauf klopfte eine ruhigere Stimme an die Tür des Arbeitszimmers.
„Frau Albrecht? Polizei. Ihr Anwalt hat uns verständigt. Können Sie mit mir sprechen?“
„Mein Mann steht vor der Tür?“
„Nein. Er ist im Esszimmer. Wir sorgen dafür, dass Sie getrennt bleiben.“
Erst dann öffnete ich.
Vor mir stand eine Beamtin mit dunklem Haar, die mir ihren Namen und ihre Dienststelle nannte.
Sie sah meine Lippe und die geschwollene Wange, ohne darüber hinwegzugehen.
Sie fragte, ob ich ärztliche Hilfe benötigte.
Ich nickte.
Bis zu diesem Augenblick hatte ich den Schmerz beinahe vergessen.
Im Flur standen zwei weitere Beamte.
Aus dem Esszimmer drang Petras empörter Tonfall.
„Wir sind hier eingeladen! Mein Sohn hat doch wohl das Recht, seine Frau zur Vernunft zu bringen!“
Die Beamtin schloss die Tür hinter uns, bevor sie mich fragte, was geschehen war.
Ich schilderte den Schlag, Daniels Drohung und die Menschen am Tisch.
Dann erwähnte ich die laufende Untersuchung der Familienvermögensverwaltung.
Sie trennte beides sorgfältig: Die Gewalt würden sie jetzt aufnehmen; die Finanzunterlagen müsse man gesondert prüfen.
Diese nüchterne Ordnung half mir mehr als jeder dramatische Trost.
Markus traf ein, als die Sanitäter meine Wange kühlten.
Er trug seine vertraute graue Aktentasche und wirkte müde.
Er fragte zuerst, ob ich weiterhin im Haus bleiben wolle.
„Es ist das Haus meiner Familie“, sagte ich.
„Das weiß ich“, antwortete er. „Aber heute zählt nicht das Eigentum, sondern deine Sicherheit.“
Wir einigten uns darauf, dass ich die Nacht bei meiner älteren Cousine Johanna verbringen würde.
Daniel sollte meine Adresse nicht erfahren.
Die Polizei erklärte mir meine Möglichkeiten für eine Anzeige und weitere Schutzschritte.
Ich unterschrieb die Aufnahme meiner Aussage und bat darum, dass die Aufnahmen des Abends gesichert würden.
Als ich mit Markus zum Ausgang ging, sah ich den langen Tisch wieder.
Die Teller waren noch halb voll, die Gläser standen schief, und eine Serviette lag auf dem Boden.
Niemand sah aus wie jemand, der gerade einen gewöhnlichen Streit erlebt hatte.
Petra saß aufrecht zwischen zwei Nichten und starrte mich an.
„Du hast die Familie vor Fremden bloßgestellt“, sagte sie.
Ich blieb stehen.
„Nein, Petra. Daniel hat mich vor euch geschlagen. Das war seine Entscheidung.“
Zum ersten Mal antwortete sie nicht sofort.
Daniel saß am Ende des Tisches.
Er hatte seine Jacke angezogen, obwohl er sonst nie eine im Esszimmer trug.
Sein Blick glitt zur Tasche in Markus‘ Hand.
„Die Konten“, sagte er leise. „Das kannst du nicht einfach machen.“
„Die Maßnahmen betreffen nur die Zugänge, die wir widerrufen dürfen“, sagte Markus. „Zu allem Weiteren äußern wir uns schriftlich.“
Daniel lächelte auf die alte Weise, mit der er früher jeden unangenehmen Vorfall kleiner gemacht hatte.
„Emilia, wir können reden. Unter vier Augen.“
„Heute nicht.“
Seine Miene verhärtete sich.
Die Beamtin trat einen Schritt näher, und ich ging weiter.
Er folgte uns nicht.
Im Wagen öffnete Markus seine Aktentasche und zeigte mir eine Liste der bereits dokumentierten Vorgänge.
Drei Rechnungen eines Beratungsunternehmens waren innerhalb von acht Monaten mit Geld aus dem Familienvermögen bezahlt worden.
Die freigebenden Vermerke trugen meinen Namen.
Die elektronische Ablage enthielt Scans einer Unterschrift, die meiner ähnelte, aber an mehreren Stellen denselben unnatürlichen Knick zeigte.
„Die Bank prüft weitere Zahlungen“, erklärte Markus. „Wir haben noch keinen Beweis, wer die Unterschriften gesetzt hat.“
„Und V.V.?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Was ist damit?“
Ich zeigte ihm die Fotografien der Benachrichtigungen.
Als er die zweite Nachricht las, machte er eine lange Pause.
„Kennst du diese Person?“
„Daniel sagte, seine erste Frau sei gestorben.“
„Hat er dir jemals eine Sterbeurkunde gezeigt?“
„Nein. Warum hätte ich sie verlangt?“
Markus legte das Handy zwischen uns.
„Verwechsle Verdacht nicht mit Gewissheit. Aber diese Initialen stehen auch auf den Zahlungsempfängern. Wir müssen klären, ob es dieselbe Person ist.“
Bei Johanna wartete Tee auf dem Küchentisch.
Sie stellte keine Frage zu meinem Gesicht, ehe ich mich gesetzt hatte.
Dann hörte sie mir zu, bis die Worte ausblieben.
Ich erzählte ihr von Viktorias altem Foto auf dem Kaminsims.
Johanna runzelte die Stirn.
„Hat Petra das Bild nicht letztes Weihnachten plötzlich weggeräumt?“
Sie hatte recht.
Damals hatte Petra behauptet, sie wolle endlich mit der Vergangenheit abschließen.
Ich hatte diesen Satz sogar bewundert.
Am nächsten Morgen rief Markus an.
Über öffentlich zugängliche Unternehmensangaben hatte sein Team die Geschäftsführerin der Firma gefunden, an die Geld geflossen war.
Sie hieß Viktoria Voss.
Ihr Geburtsdatum stimmte mit den alten Unterlagen überein, die Daniel einmal achtlos in einer Schublade aufbewahrt hatte.
Es war ein belastbarer Hinweis, noch kein Nachweis jeder Verbindung.
„Sie lebt?“, fragte ich.
„Nach allem, was wir derzeit feststellen können, ja.“
Ich stellte meine Tasse ab.
„Dann muss ich wissen, weshalb mein Mann mir ihren Tod erzählt hat.“
„Und weshalb ihre Firma Geld aus deiner Verwaltung erhalten hat“, sagte Markus.
Noch bevor wir besprechen konnten, wie wir vorgehen würden, erreichte mich eine E-Mail von einer unbekannten Adresse.
Im Betreff stand mein vollständiger Name.
Der Text bestand aus einem einzigen Satz: „Wenn Sie erfahren wollen, was Daniel heute Abend unterschreiben lassen wollte, kommen Sie nicht allein.“
Darunter stand eine Telefonnummer.
Die Unterschrift lautete: Viktoria Voss.
Warum sich Viktoria ausgerechnet jetzt meldete und was Daniel von mir hatte unterschreiben lassen wollen, sollte ich erst noch begreifen.
Welche Wahrheit verbarg sich hinter Viktorias Einladung? Lies weiter in Teil 3.













