Am nächsten Morgen fuhr ich nicht in die Zentrale, sondern zurück zu dem Autohaus, in dem alles begonnen hatte.
Herr Álvarez hatte die Zugangsdaten und die vorhandenen Aufzeichnungen für die zuständige Prüfung sichern lassen.
Er zeigte mir nichts, was wir nicht rechtmäßig einsehen durften.
Der Eintrag bestätigte lediglich, dass Martins persönlicher Besucherausweis benutzt worden war.
Ob er selbst damit die Tür geöffnet hatte, blieb offen.
„Er kommt gelegentlich unangekündigt“, sagte Herr Álvarez.
„Ihr Vater mochte solche Besuche. Aber Herr Reuter wollte gestern nicht mit mir sprechen.“
„Mit wem dann?“
„Mit Frau Wolf. Er fragte, ob sie den Wagen schon für eine private Käuferin reserviert hätte.“
Ich setzte mich an den Rand des Besprechungstisches.
Martin wusste also, dass Natalie als Käuferin vorgesehen war, bevor sie mir vor dem Rolls-Royce begegnet war.
Was er darüber hinaus wusste, musste ich erst herausfinden.
Ich bat Clara, die Untersuchung unabhängig von den üblichen Berichtslinien aufzusetzen.
Wenn unser Finanzdirektor betroffen war, durfte er nicht selbst entscheiden, welche Unterlagen die Prüfer sahen.
Martin rief an, noch bevor wir das Gespräch vereinbart hatten.
Seine Stimme klang ruhig und beinahe gelangweilt.
„Alexander, ich höre, du machst wegen eines privaten Autokaufs Unruhe.“
„Wegen einer Unterschrift, die nicht von mir stammt.“
„In einer großen Gruppe laufen täglich Dokumente durch viele Hände. Vielleicht hat jemand eine alte Vorlage verwendet.“
„Dann sollten wir herausfinden, wer das war.“
Er schwieg einen Augenblick.
„Dein Vater hätte so etwas diskret behandelt.“
Ich spürte, wie mein Kiefer fest wurde.
Martin durfte sich gern auf seine lange Dienstzeit berufen, aber nicht meinen Vater als Schutzschild benutzen.
„Mein Vater hat mir beigebracht, Fragen zu stellen, wenn etwas falsch aussieht.“
„Ich stehe seit dreißig Jahren auf eurer Seite“, antwortete Martin.
„Dann wirst du Verständnis dafür haben, dass wir die Unterlagen sichern.“
Er beendete das Gespräch, ohne sich zu verabschieden.
Clara traf mich am Mittag in einem kleinen Konferenzraum, weit weg von der Ausstellungsfläche.
Sie hatte die Finanzierungsgesellschaft kontaktiert und eine schriftliche Bestätigung über den Status des Antrags angefordert.
Bisher war der Kauf nicht abgeschlossen, und der Wagen war nicht ausgeliefert worden.
Ein Mitarbeiter der Bank hatte jedoch vermerkt, dass eine persönliche Bürgschaft von Alexander Falk angekündigt sei.
Für Clara war gerade diese Formulierung entscheidend: angekündigt, nicht bestätigt.
„Wir können den Schaden vielleicht begrenzen“, sagte sie.
„Aber wir dürfen die Sache nicht kleinreden. Wenn jemand deinen Namen verwendet, kann es weitere Vorgänge geben.“
Ich bat sie, auch die übrigen Autohäuser auf ungewöhnliche Freigaben überprüfen zu lassen.
Dabei ging es nicht darum, alle Angestellten unter Generalverdacht zu stellen.
Wir wollten wissen, ob dieselben Formulierungen, dieselben Abkürzungen und dieselbe ungewöhnliche Abkürzung der Prüfung andernorts auftauchten.
Clara sagte, die unabhängigen Prüfer würden die Suchkriterien dokumentieren und nur einschlägige Vorgänge auswerten.
Am Nachmittag stand Natalie vor meinem Haus.
Sie trug den grauen Mantel, den ich ihr im vergangenen Winter geschenkt hatte, und hielt ihren Verlobungsring zwischen zwei Fingern.
Sie hatte nicht geklingelt.
Als ich aus dem Wagen stieg, kam sie mir entgegen.
„Mama sagt, du willst uns anzeigen“, begann sie.
„Ich will wissen, wer meinen Namen gefälscht hat.“
„Sie hat Schulden. Mehr ist das nicht.“
Zum ersten Mal seit dem Vormittag im Autohaus sprach Natalie, ohne sich über die Blicke anderer zu sorgen.
Ihre Hände zitterten.
Sie erzählte, dass Lorena vor zwei Jahren in eine Immobiliengesellschaft investiert hatte.
Als das Geschäft scheiterte, lieh sie Geld von Bekannten, um den Verlust nicht zugeben zu müssen.
Natalie hatte davon erst einige Monate später erfahren.
„Sie hat mich gebeten, sie nicht allein zu lassen“, sagte sie.
„Sie meinte, mit einer guten Ehe würde alles leichter.“
Ich sah auf den Ring in ihrer Hand.
„Und der Rolls-Royce?“
„Sie sagte, es wäre ein Geschenk, das wir uns verdient hätten. Sie hatte schon jemanden, der die Finanzierung organisieren konnte.“
„Wen?“
Natalie schwieg.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Das wusste ich nicht. Ich schwöre es.“
Ich wollte ihr glauben.
Vor einer Woche hätte ich es getan, ohne nachzufragen.
Aber zwischen uns stand nun ein Antrag, auf dem sie Käuferin war, und die Erinnerung an ihren Gesichtsausdruck, als sie mich mit dem blauen Tuch gesehen hatte.
Beides ließ sich nicht mit einer einzigen Entschuldigung beseitigen.
„Hast du deiner Mutter gesagt, dass ich bei Falk Automobile arbeite?“, fragte ich.
„Natürlich. Ich habe ihr von dir erzählt.“
„Auch, dass ich keine Lust habe, über Geld zu sprechen?“
„Ja.“
„Und trotzdem behauptet ihr, ihr hättet nicht gewusst, was ich besitze.“
Natalie presste die Lippen zusammen.
Sie erklärte, Lorena habe vermutet, ich sei ein Angestellter, dessen Familie den Namen Falk nur zufällig trage.
Für Natalie selbst war die Frage irgendwann unbequem geworden, und sie hatte aufgehört, sie zu stellen.
Ihre Scham machte sie in diesem Augenblick nicht unschuldig.
Sie machte sie nur menschlicher, als die Frau im Showroom gewesen war.
Ich ließ sie nicht ins Haus.
Stattdessen bot ich an, mit Clara ein Gespräch zu organisieren, wenn Natalie ihre Unterlagen freiwillig vorlegen wollte.
Sie steckte den Ring wieder an den Finger, als könne sie damit unsere Verlobung festhalten.
„Du wirfst doch nicht alles weg, was wir hatten?“, fragte sie.
„Das kann ich heute nicht beantworten.“
Später rief Clara erneut an.
Bei der Prüfung war ein zweiter Antrag aus einem anderen Autohaus aufgetaucht, diesmal für einen Wagen, den ich nie gesehen hatte.
Auch dort war mein Name als privater Bürge vermerkt.
Die Käuferin war nicht Natalie, sondern eine kleine Gesellschaft mit Sitz in München.
„Wie heißt sie?“, fragte ich.
„Lora Immobilienverwaltung GmbH.“
Ich musste nicht lange überlegen, woher mir der Name bekannt vorkam.
Auf Natalies alten Briefen war dieselbe Firmenbezeichnung als Absender gestanden.
Lorena hatte die Gesellschaft einmal als ihr letztes verbliebenes Projekt beschrieben.
Clara bat mich, die beiden Unterschriften nur als Beweismittel zu betrachten und nicht voreilig ihre Entstehung zu deuten.
Dann schickte sie mir eine Aufnahme, auf der die Signaturen nebeneinander lagen.
Die beiden angeblich handschriftlich geleisteten Unterschriften waren bis zu einer winzigen Unterbrechung im letzten Buchstaben identisch.
Und diese Unterbrechung kannte ich.
Sie stammte von einem Fleck auf einem Dokument, das ich vor Monaten für die Ausbildung junger Mechaniker unterschrieben hatte.
Wer hatte Zugang zu diesem Original gehabt, und warum tauchte es jetzt auf zwei Kaufanträgen auf?
Finde in Teil 4 heraus, wie meine Unterschrift aus dem Stiftungsarchiv auf fremde Anträge gelangt war.













