Ich hörte mir Martins Sprachnachricht dreimal an.
Nicht, weil ich seine Worte nicht verstanden hätte, sondern weil ich wissen wollte, ob ich darin eine neue Ausrede überhörte.
Am nächsten Morgen schrieb ich ihm, dass wir sprechen könnten.
Ich schickte ihm die Adresse meines Hauses bei Berg und bat ihn, allein zu kommen.
Als sein Wagen vor dem Tor hielt, blieb er zunächst sitzen.
Dann stieg er aus und betrachtete die Glasfronten, die Terrassen und den Hang, auf dem das Gebäude stand.
Ich öffnete die Tür, bevor er klingeln konnte.
»Das ist also dein Zuhause?«, fragte er.
»Ja.«
»Seit wann?«
»Seit knapp einem Jahr. Gebaut habe ich es mit dem Geld aus Ruths Nachlass und dem Verkauf des Hauses, das sie mir hinterlassen hat.«
Er schüttelte langsam den Kopf.
»Du hast mir nie etwas davon erzählt.«
»Hättest du dich für mich gefreut, wenn Beate daneben gestanden hätte? Oder hättest du gefragt, ob Nele ein Zimmer bekommen kann?«
Er antwortete nicht.
Aber diesmal kam er auch nicht mit seinem alten Satz über den Frieden.
Wir setzten uns an den Küchentisch.
Ich stellte zwei Tassen Kaffee hin.
Draußen war das Licht klar, und auf der Steinplatte lag der Schatten einer Pendelleuchte.
Es war derselbe Platz, an dem ich nach meiner Flucht die Zedernholzschachtel geöffnet hatte.
»Deine Mutter wusste damals, dass sie nicht mehr gesund werden würde«, begann Martin.
»Sie wollte sicher sein, dass das Haus später wirklich dir gehört. Deshalb hat sie auf der Übertragung bestanden.«
»Das weiß ich.«
Er nickte.
»Was du nicht weißt, ist, was sie mir am Abend nach dem Notartermin gesagt hat. Sie hat mich gebeten, dich nie um einen Platz in diesem Haus kämpfen zu lassen. Nicht mit Verwandten, nicht mit einer neuen Frau, mit niemandem.«
Ich schaute auf seine Hände.
Wieder lag die rechte über der linken, als müsse er sich festhalten.
»Und du hast es versprochen?«, fragte ich.
»Ja.«
Draußen fuhr irgendwo ein Auto über die Zufahrtsstraße.
Ich wartete, bis das Geräusch verschwunden war.
»Warum hast du es nicht gehalten?«
Martin zog die Tasse näher zu sich, ohne daraus zu trinken.
»Als Beate zu uns kam, wollte ich einen Neuanfang. Sie hat mich nach dem Tod deiner Mutter wieder zum Lachen gebracht. Ich hatte Angst, sie zu verlieren, sobald ich ihr widersprach.«
»Also durfte sie mich verlieren?«
Er schloss die Augen.
»So habe ich damals nicht gedacht. Aber genau das habe ich zugelassen.«
Ich konnte mich nicht erinnern, wann er zuletzt etwas ohne Einschränkung zugegeben hatte.
Es machte die vergangenen Jahre nicht ungeschehen.
Ich spürte nur, dass ich ihn endlich nicht mehr anschreien musste, um gehört zu werden.
»Als sie das Geschirr von Mama verschenkt hat«, sagte ich, »hast du mir gesagt, ich soll mich nicht an Dingen festhalten. Dabei waren das die Dinge, die mir von ihr geblieben waren.«
»Ich erinnere mich.«
»Und als Nele meinen Schal kaputt zurückgab, hast du gesagt, ich soll großzügig sein. Ich war immer diejenige, die großzügig sein musste.«
Er sah mich an.
»Es tut mir leid, Mara.«
Ich hörte die Entschuldigung und ließ sie stehen.
Ich sagte nicht, dass alles gut sei.
Dann erzählte ich ihm von der Erklärung, die Nele abgegeben hatte, und davon, dass ich keine öffentliche Auseinandersetzung wollte.
Ich zeigte ihm den Entwurf einer Vereinbarung, den Frau Vogt vorbereitet hatte.
Darin war vorgesehen, dass alle Beteiligten den Zustand der Räume dokumentierten und einen geordneten Auszug innerhalb von drei Monaten vereinbarten, sofern sie sich darauf einigten.
Ein möglicher Streit über Kosten sollte getrennt geprüft werden.
»Du musst nicht meine Entscheidung übernehmen«, sagte ich.
»Wenn du dort länger wohnen möchtest, können wir eine rechtlich saubere Regelung besprechen. Aber ich werde nicht mehr so tun, als wäre Beates Wort wichtiger als meines.«
Martin fuhr mit dem Finger über den Rand der Unterlagen.
»Ich möchte nicht allein wegen des Hauses bei ihr bleiben.«
Das überraschte mich.
»Was meinst du?«
»Wir streiten seit Tagen. Nicht nur über dich. Ich habe ihr gesagt, dass ich falsch gehandelt habe. Sie meint, ich verrate sie, wenn ich das zugebe.«
Er blickte hinaus in den Garten.
»Ich weiß nicht, ob wir als Paar noch zusammenpassen. Aber ich weiß, dass ich nicht weiter in einem Haus wohnen kann, in dem meine Tochter um Respekt bitten muss.«
Ich wollte ihn nicht dafür loben, dass er endlich eine Grenze erkannte.
Trotzdem fragte ich, ob er bereits eine Wohnung suche.
Er nickte.
Karin hatte ihm von einer kleinen Mietwohnung in ihrer Nähe erzählt.
»Ich werde mich selbst darum kümmern«, sagte er.
»Gut.«
Nach dem Kaffee gingen wir ein Stück über die Terrasse.
Martin fragte nach dem Blick über die Landschaft und nach meinem Garten.
Er stellte keine einzige Frage nach dem Preis der Villa.
Vielleicht verstand er, dass das Entscheidende nicht die Zahl war.
Im Wohnzimmer blieb sein Blick an dem gerahmten Foto hängen, das ich am Abend meiner Abfahrt eingepackt hatte.
Meine Mutter hielt mich darauf im Arm, und ich trug den viel zu großen Strohhut, den ich als kleines Mädchen fast jeden Tag aufsetzen wollte.
Martin lächelte unsicher.
»Das Bild stand früher auf ihrem Nachttisch«, sagte er.
»Ich weiß.«
»Ich habe bemerkt, dass du es mitgenommen hast. Ich dachte, du würdest es wieder zurückbringen.«
»Warum?«
Er sah mich eine Weile an.
»Weil ich immer davon ausgegangen bin, dass du zurückkommst, egal was geschieht.«
Ich stellte das Bild auf das Regal zurück.
»Genau das war das Problem, Papa. Du hast geglaubt, ich würde niemals fortgehen, und deshalb musstest du nichts ändern.«
Er nickte.
Es war keine schöne Unterhaltung, aber zum ersten Mal versuchte er nicht, sie abzukürzen.
Bevor er ging, blieb er an der Tür stehen.
»Ich weiß nicht, ob du mir verzeihen kannst.«
»Ich weiß es auch nicht«, sagte ich.
»Aber du kannst damit aufhören, für mich zu entscheiden, was ich hinnehmen muss.«
Er nickte und stieg in seinen Wagen.
Diesmal sah ich ihm nach, bis er hinter dem Tor verschwunden war.
Am nächsten Morgen schrieb mir Nele, sie habe eine Werkstatt gefunden, die alte Spieluhren restauriere.
Sie fragte, ob sie die beschädigte Spieluhr meiner Mutter reparieren lassen dürfe, und fügte hinzu, dass sie ein Nein akzeptieren würde.
Ich ließ mir den Namen der Werkstatt geben, erkundigte mich selbst nach den Arbeiten und brachte die Spieluhr persönlich dorthin.
Nele bot an, die Kosten zu übernehmen.
Wir vereinbarten, dass sie das Stück nach der Reparatur für mich abholen und zurückbringen durfte.
Am Abend rief Karin an.
Martin hatte ihr gesagt, dass er ausziehen wolle.
Nele hatte angeboten, beim Sortieren der Möbel zu helfen.
Beate hingegen lehnte die vorgeschlagene Vereinbarung ab und behauptete, ich könne sie niemals zum Verlassen des Hauses bewegen.
Sie wolle nicht einmal über einen Termin sprechen.
Ich legte auf und öffnete die Nachricht von Frau Vogt mit den nächsten rechtlichen Möglichkeiten.
Der Eigentumseintrag allein würde den Konflikt nicht schnell lösen.
Ich musste mich entscheiden, ob ich auch dann bei meinen Grenzen blieb, wenn die friedliche Lösung zunächst scheiterte.
Wie ich Beates Weigerung begegnete und was aus dem Haus meiner Mutter wurde, erfährst du in Teil 7.













