Markus wollte nicht, dass ich auf die Nachricht antworte.
Er hatte recht. Trotzdem las ich den Satz immer wieder, als könnte ich darin erkennen, warum eine Frau, die angeblich tot war, ausgerechnet mich um Hilfe bat.
„Falls sie wirklich Viktoria Voss ist, darf sie sich an uns wenden“, sagte er. „Aber Sie müssen ihr weder glauben noch allein begegnen.“
Über seinen Kanzleianschluss ließ er die unbekannte Nummer kontaktieren. Eine Stunde später kam die Antwort: Viktoria wolle persönlich sprechen, noch am selben Nachmittag.
Sie behaupte, Unterlagen zu besitzen, die Daniel nicht mehr zurückbekommen dürfe.
„Was will sie dafür?“, fragte ich.
„Das hat sie nicht gesagt.“
Ich wollte das Gespräch zunächst ablehnen. Dann stellte ich mir die blonde Frau in der Auffahrt vor, während ich drinnen angeschrien wurde.
Sie hatte wahrscheinlich gewusst, was Daniel mit mir vorhatte. Aber sie hatte vor der Tür gewartet, als sei mein Leben nur eine Verzögerung ihrer Verabredung.
Ich sagte zu, unter einer Bedingung: Markus und eine Mitarbeiterin seiner Kanzlei sollten anwesend sein.
Vor dem Termin öffnete ich den versiegelten Umschlag.
Das Papier darin war vergilbt. Oben stand das Datum eines Sommers, sechs Jahre bevor ich Daniel geheiratet hatte.
Mein Vater hatte die Zeilen mit seinem Füller geschrieben. Er war damals schon krank gewesen und hatte wenig Geduld mit großen Reden gehabt.
„Emily, die Stiftung gehört nicht dir wie ein Schmuckstück“, las ich. „Sie ist eine Verantwortung für Menschen, deren Namen du manchmal nicht kennst. Lass nie jemanden für dich entscheiden, was du angeblich nicht verstehen kannst. Frag nach den Belegen, selbst wenn der Fragende dadurch unbequem wird.“
Darunter lag eine Kopie der Stiftungsordnung mit seinen handschriftlichen Anmerkungen. Sie erklärte, weshalb wichtige Verfügungen die Mitwirkung unabhängiger Organmitglieder brauchten.
Das war keine geheime Macht, die ich plötzlich erhielt. Es war die Verantwortung, vor der ich mich jahrelang gedrückt hatte.
Ich dachte an die jährlichen Sitzungen. An die Unterlagen, die ich Daniel zur Durchsicht gegeben hatte, weil er sagte, ich könne meine Zeit besser nutzen.
An die Erleichterung, wenn er lächelte, weil ich einmal nicht widersprach.
Die Worte meines Vaters machten die Vergangenheit nicht ungeschehen. Aber sie gaben ihr einen Namen.
Mein Vater war ein Jahr nach diesem Brief gestorben. Damals hatte ich die Stiftung noch für etwas gehalten, das ohne mein Zutun zuverlässig weiterlief.
Nun bat ich Markus, mir nach dem Gespräch die Protokolle der letzten fünf Jahre vollständig zu geben. Ich wollte selbst sehen, welche Beschlüsse rechtmäßig gefasst worden waren und wo jemand meinen Namen eingesetzt hatte.
„Das wird unangenehm“, sagte er. „Einige der Fragen betreffen Entscheidungen, die Sie hätten früher prüfen können.“
„Dann will ich auch die hören.“
Ich erkannte, dass Verantwortung nicht darin bestand, nachträglich eine perfekte Geschichte über meine eigene Unschuld zu erzählen. Ich hatte Daniel vertraut, aber ich hatte auch Warnungen beiseitegeschoben, um keinen Streit zu bekommen. Ich konnte diese Entscheidung nicht ungeschehen machen. Ich konnte nur entscheiden, ab jetzt hinzusehen.
Viktoria kam pünktlich in die Kanzlei. Sie trug keinen hellen Mantel, sondern einen dunklen Hosenanzug und eine schlichte Tasche.
Im Profil sah sie der Frau auf Petras Foto so ähnlich, dass mir kurz die Luft wegblieb.
Sie betrachtete meine geschwollene Wange und senkte den Blick.
„Das war nicht abgesprochen“, sagte sie.
Ich setzte mich nicht.
„Dass er mich schlägt? Oder dass ich nicht gehe?“
Ihre Finger umklammerten den Taschengriff.
„Er hat gesagt, Sie würden das Haus freiwillig verlassen. Es sei ohnehin nur eine Frage der Zeit.“
Markus bat sie, ihre Aussagen von Anfang an zu schildern. Viktoria erklärte, dass ihre Ehe mit Daniel lange vor unserem Kennenlernen geschieden worden sei.
Sie hatte nie behauptet, gestorben zu sein. Daniel habe ihr erst später erzählt, welche Geschichte er mir über seine Vergangenheit gegeben hatte.
„Und Sie haben ihn nicht aufgehalten?“
„Nein.“
Sie sagte es ohne Ausrede. Das machte es nicht besser.
Daniel und Viktoria waren geschäftlich verbunden geblieben. Vor zwei Jahren hatten sie ihre private Beziehung wieder aufgenommen, während er mir von Dienstreisen und schwierigen Verhandlungen erzählte.
Die Firma, die in den Zahlungsunterlagen hinter den Initialen V.V. stand, verwaltete nach ihren Worten unter anderem Charterverträge.
Ein Teil der Rechnungen habe jedoch Leistungen ausgewiesen, die nie erbracht worden seien.
„Sie haben also Geld erhalten, das der Stiftung zustand“, sagte Markus.
Viktoria nickte einmal.
„Ich habe Rechnungen unterschrieben. Daniel sagte, die internen Freigaben seien rechtmäßig. Später habe ich gesehen, wie er Unterschriften aus alten Scans zusammensetzte.“
Ob sie selbst an den Fälschungen beteiligt gewesen war, ließ sie offen. Markus machte ihr ausdrücklich keine Zusage über mögliche strafrechtliche Folgen.
Sie legte stattdessen eine Liste mit Dateinamen, Rechnungsnummern und drei Speicherorten auf den Tisch.
Es waren Hinweise, keine Beweise, denen ich ungeprüft vertrauen wollte.
„Warum kommen Sie jetzt?“, fragte ich.
Viktoria presste die Lippen zusammen.
„Weil er mich gestern auch belogen hat. Er wollte Sie hinauswerfen, danach sollte ich endlich offen zu ihm stehen können. Als die Polizei kam, hat er mir geschrieben, ich solle verschwinden und alles allein auf mich nehmen.“
Mir wurde übel. Daniel hatte nicht nur einen finanziellen Betrug geplant. Er hatte bei einem Familienessen versucht, mein Zuhause für eine andere Frau frei zu machen.
„Sie wollten an meinen Tisch“, sagte ich.
„Ja.“
Zum ersten Mal weinte sie. Ich empfand kein Bedürfnis, sie zu trösten.
Als Viktoria ging, übergab sie ihre Unterlagen nicht mir, sondern Markus zur gesicherten Weitergabe und Prüfung. Die zuständigen Ermittler sollten entscheiden, wie die Dateien rechtmäßig ausgewertet wurden.
Bevor sie die Tür erreichte, drehte sie sich noch einmal um.
„Ihre Schwiegermutter weiß, dass ich lebe“, sagte sie. „Sie hat mich vor zwei Wochen bei sich zu Hause empfangen.“
Ich erinnerte mich an Petras Lachen über dem Weinglas. Sie hatte nicht nur zugesehen, wie ihr Sohn mich schlug.
Sie hatte an diesem Abend offenbar auf eine andere Frau gewartet.
Auf dem Weg zurück zur Villa rief Petra an. Ich ließ es klingeln, bis eine Nachricht erschien.
„Emily, wir müssen reden. Es geht nicht um Daniel. Es geht um das, was ich deinem Vater versprochen habe.“
Mein Vater hatte Petra vor elf Jahren geholfen, als sie nach einer schweren geschäftlichen Pleite keinen Ausweg sah. Ich hatte geglaubt, das sei der ganze Grund für die Unterstützung.
Jetzt fragte ich mich, was sie ihm damals dafür versprochen hatte.
Lies in Teil 4 weiter, um zu erfahren, was Petra meinem Vater damals versprochen hatte.













