Am Morgen nach Mertens Schreiben stellte ich mich vor die große Tafel im Foyer, an der sonst Kurszeiten und Reparaturtermine hingen.
Ich hatte die Mieter gebeten, kurz vor der Arbeit zusammenzukommen.
Zwischen Kaffeebechern, nassen Jacken und Werkzeugkisten standen zwölf Menschen, deren Alltag an diesem Gebäude hing.
»Es gibt Streit über die Zukunft der Werkhalle«, sagte ich.
»Ich bin Eigentümerin. Ich habe keinen Verkauf beschlossen, und ich werde keinen Verkauf ohne Prüfung beschließen. Es gibt zugleich Hinweise auf Sicherheitsmängel, die wir unabhängig untersuchen lassen. Ich werde euch nichts verschweigen, aber auch keine falschen Sicherheiten versprechen.«
Eine Frau aus dem Keramikatelier hob die Hand.
»Können wir am Montag öffnen?«
»Die freigegebenen Bereiche ja. Für die hintere Rampe brauchen wir erst die schriftliche Bestätigung der Fachleute.«
Mert fragte, was mit den Renovierungsankündigungen geschehe.
Ich erklärte, dass wir jede Mitteilung der Betriebsverwaltung einzeln prüfen würden und bestehende Verträge nicht durch eine bloße Verkaufsabsicht verschwänden.
»Daniel hat uns gesagt, du seist einverstanden«, sagte er.
Ich hörte kein Vorwurf in seiner Stimme, nur Müdigkeit.
Er musste Auszubildende bezahlen, Ersatzteile lagern und seinen Kunden sagen können, ob ihre Fahrräder nächste Woche noch am selben Ort repariert würden.
»Das war falsch«, antwortete ich.
»Ich hätte früher mit euch sprechen müssen, sobald mir die Nachrichten bekannt waren.«
Frau Behrens blieb nach der Versammlung zurück.
»Sie haben nicht versprochen, dass alles gut wird«, sagte sie.
»Weil ich es nicht weiß.«
»Dann glauben die Leute Ihnen vielleicht gerade deshalb.«
Am selben Tag erschien ein Mitarbeiter des Bauordnungsamtes zu einer angekündigten Begehung.
Nach einer Meldung über die Zugänge wollte die Behörde die Fluchtwegsituation prüfen.
Beate war dabei, ebenso unser externer Brandschutzfachmann.
Die unzulässige Sicherung war bereits dokumentiert und beseitigt, zusätzliche Mängel wurden in einer Liste festgehalten.
Zwei Nebenräume blieben vorläufig gesperrt, bis die erforderlichen Maßnahmen erledigt waren.
Der übrige Betrieb konnte unter den festgelegten Bedingungen weiterlaufen.
Es war kein Sieg, sondern ein überprüfbarer Zwischenstand.
Ich nahm ihn mit einer Erleichterung entgegen, die fast weh tat.
Danach kam die finanzielle Prüfung.
Anja hatte alle fälligen Forderungen, Mietzahlungen und laufenden Ausgaben zusammengestellt.
Trotz der fragwürdigen Rechnungen war Nordlicht nicht zahlungsunfähig.
Aber der Spielraum war gefährlich klein geworden.
Die nächsten Monate würden nur funktionieren, wenn wir nicht noch mehr ungeprüfte Beträge bezahlten und die Leerstände nicht wuchsen.
»Wir müssen das nicht an einem Nachmittag lösen«, sagte Anja.
»Merten setzt mir eine Frist.«
»Die Frist für Daniels Schulden ist nicht automatisch eine Frist für deine Immobilie.«
Sie hatte recht, aber ich konnte kaum noch unterscheiden, was rechtlich galt und was sich wie eine Katastrophe anfühlte.
Daniel hatte jahrelang so gesprochen, als müsse jede Frage sofort entschieden werden.
Ich hatte seine Eile übernommen, bis sie mir wie eine eigene Eigenschaft vorkam.
Beate ließ die formalen Schritte zur Abberufung Daniels aus der Geschäftsführung vorbereiten.
Weil ich alleinige Gesellschafterin war, konnte ich eine entsprechende Entscheidung treffen, doch die Beendigung seines Dienstvertrags und die Änderung von Bank- und Zugriffsberechtigungen mussten gesondert und sauber umgesetzt werden.
Der Steuerberater überprüfte mit Anja die kurzfristige Liquidität.
Wir regelten Notfallfreigaben für Löhne und Energie, damit die Mitarbeitenden nicht die Folgen eines Führungsstreits tragen mussten.
Daniel reagierte mit einem langen Schreiben.
Er warf mir vor, ihn öffentlich gedemütigt zu haben, und kündigte rechtliche Schritte an.
Zugleich bat er darum, am Sonntag mit Oskar ins Kino gehen zu dürfen.
Ich antwortete nur auf die zweite Frage persönlich.
»Oskar ist noch verunsichert. Wir klären mit einer Beratungsstelle, was für ihn gerade gut und tragbar ist.«
Daniel schrieb zurück: Du kannst mir meinen Sohn nicht wegnehmen.
Ich ließ die Nachricht unbeantwortet und besprach den Umgang mit einer Fachanwältin für Familienrecht.
Es ging nicht darum, Daniel zu bestrafen.
Es ging darum, dass Oskar nicht noch einmal die Verantwortung für einen Konflikt tragen sollte, der ihm zu groß war.
Am Freitag hatte Oskar einen Termin bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin zum Erstgespräch.
Danach sagte er, sie habe ihn nicht gefragt, welchen Elternteil er lieber möge.
Er war sichtbar überrascht.
»Was hat sie denn gefragt?«, sagte ich.
»Wann ich mich das letzte Mal sicher gefühlt habe.«
Er sah auf seine Schuhe.
»Ich wusste erst keine Antwort.«
Ich hatte in diesen Tagen kaum geweint.
Vor Rechnungen, Anwälten und Mitarbeitern funktionierte ich.
Aber dieser eine Satz machte mir klar, wie wenig ein geordneter Kalender nützte, wenn ein Kind nicht mehr wusste, wem es vertrauen konnte.
Am Montag traf ich Merten in seiner Kanzlei, begleitet von Beate.
Ich hatte nicht vor zu unterschreiben.
Ich wollte wissen, warum er so überzeugt war, dass ich am Ende zustimmen würde.
Er legte ein Angebot vor, diesmal mit Bedingungen.
Ein schneller Verkauf zum genannten Preis.
Eine Abgeltung bestimmter Firmenforderungen.
Eine Erklärung, dass ich Daniel in der bisherigen Geschäftsführungspraxis nicht für verantwortlich hielte.
Dazu sollte ich mich verpflichten, über einzelne interne Vorgänge Stillschweigen zu bewahren, soweit rechtlich zulässig.
»Sie bekommen Ruhe«, sagte Merten.
»Keine jahrelangen Streitigkeiten. Keine negative Berichterstattung über die Nordlicht-Werke.«
»Weshalb gehört die Entlastung meines Mannes zu einem Immobilienkauf?«, fragte ich.
Er sah Beate an.
»Wir wollen ein rundes Paket.«
Beate schob das Angebot zurück.
»Für meine Mandantin sind das voneinander zu trennende Fragen. Sie wird weder Ermittlungen unterbinden noch ungeprüfte Erklärungen abgeben.«
Auf dem Rückweg erzählte ich ihr, was mich am meisten beunruhigte.
Nicht die Summe.
Auch nicht die Drohung mit Öffentlichkeit.
Sondern der Versuch, mir dafür Geld anzubieten, dass ich Daniels Handeln nachträglich billigte.
Am Abend rief Norbert Pieper noch einmal an.
Er hatte jetzt den internen Arbeitsauftrag für die Sicherung der Rampe vorliegen und wollte ihn den zuständigen Stellen zur Verfügung stellen.
»Da steht etwas, das Sie wissen sollten«, sagte er.
»Ihr Mann hat die Uhrzeit handschriftlich ergänzt. Und darunter steht: Zugang bis mindestens zwanzig Uhr gesperrt halten.«
Oskar war kurz nach achtzehn Uhr an der Halle gewesen.
Daniel hatte also nicht nur gewusst, dass die Tür gesperrt war.
Er hatte angeordnet, dass sie während der Zeit verschlossen bleiben sollte, in der er unseren Sohn dorthin schickte.
Was Daniel darauf zu sagen hatte, erfahren wir in Teil 7.













