Sabine Vogt ließ das Video weiterlaufen.
Niemand bewegte sich mehr.
Auf dem Bildschirm stand Markus Keller noch immer zwischen zwei Paletten. Die zweite Person blieb zunächst außerhalb des Bildes. Man sah nur eine Hand, den Ärmel eines dunklen Mantels und für einen kurzen Moment eine silberne Uhr.
Dann kam die Stimme.
„Die nächste Lieferung muss vor Freitag aus dem System.“
Markus sah zur Kamera, als wüsste er genau, wo sie hing.
„Das wird auffallen.“
„Nicht, wenn die Abschreibung vorher genehmigt ist.“
Am Konferenztisch hörte ich jemanden scharf Luft holen.
Ich brauchte einige Sekunden, um zu verstehen, warum.
Dann sah ich zu dem Mann links von Sabine. Er hatte die gleiche Haltung wie eben noch, aber sein Gesicht war plötzlich völlig still.
Jens Hartwig.
Finanzvorstand.
Ich kannte seinen Namen, weil er auf der Tür am Ende des Flurs stand.
Im Video trat er jetzt einen halben Schritt ins Bild.
Nur sein Profil war zu sehen.
Aber es war genug.
Markus schlug die Hand auf den Tisch.
„Das beweist gar nichts.“
Sabine sah ihn nicht einmal an.
„Herr Keller, setzen Sie sich.“
„Das ist manipuliert.“
„Setzen Sie sich.“
Diesmal gehorchte er.
Hartwig dagegen blieb vollkommen ruhig.
„Wir sollten das sofort stoppen“, sagte er. „Wenn es sich um unrechtmäßig beschafftes Material handelt, dürfen wir es nicht weiter verbreiten.“
„Es wird nicht verbreitet“, sagte Sabine. „Es läuft in einem geschlossenen Raum.“
„Und wer weiß, woher der Stick stammt?“
Sein Blick ging zu mir.
Das Gefühl kannte ich.
Nicht direkt beschuldigt zu werden.
Nur so angesehen zu werden, dass alle anderen die Beschuldigung selbst zu Ende denken sollten.
Ich legte beide Hände auf den Griff meines Reinigungswagens.
„Ich habe ihn heute Morgen unter dem Tisch gefunden.“
Hartwig hob eine Augenbraue.
„Und Sie haben ihn einfach eingesteckt?“
„Nein.“
„Aber jetzt.“
„Auf Anweisung von Frau Vogt.“
Sabine drehte den Kopf zu ihm.
„Das genügt.“
Sie nahm ihr Telefon.
„Niemand verlässt den Raum. Ich möchte Compliance, IT-Sicherheit und den Leiter des Werkschutzes hier. Sofort.“
Markus lachte kurz.
Es war kein echtes Lachen.
„Das ist lächerlich.“
„Dann wird sich das schnell klären.“
„Sie verstehen nicht, was Sie da gerade lostreten.“
„Doch“, sagte Sabine. „Genau deshalb lasse ich es prüfen.“
Zwölf Minuten später kamen drei Personen in den Besprechungsraum. Der Leiter der IT-Sicherheit trug Handschuhe und zog den USB-Stick aus dem Laptop, als wäre er etwas Zerbrechliches. Eine Frau aus Compliance nahm von jedem im Raum Namen und Funktion auf. Der Werkschutz stellte sich an die Tür.
Ich wollte meinen Wagen nehmen und gehen.
„Frau Neumann“, sagte Sabine.
Ich blieb stehen.
„Bitte bleiben Sie noch.“
Markus schnaubte.
„Wozu?“
„Weil sie die Finderin ist.“
„Sie ist Reinigungskraft.“
Sabine sah ihn an.
„Das habe ich verstanden.“
Es war kein lauter Satz.
Trotzdem schien Markus danach kleiner zu wirken.
Der IT-Leiter setzte sich mit einem gesicherten Firmenlaptop an das andere Ende des Tisches. Er öffnete die Datei erneut, diesmal in einem Analyseprogramm. Dann zeigte er Zeitstempel, Dateiinformationen und die Kennung der Kamera.
„Die Aufnahme stammt aus unserem internen System“, sagte er. „Kamera L-17, Lagerbereich drei. Der Export wurde vor sechs Tagen erstellt.“
„Von wem?“, fragte Sabine.
„Das sehe ich hier noch nicht. Der Export selbst enthält keine Benutzerkennung.“
„Kann die Datei manipuliert sein?“
„Theoretisch ja. Aber der Hash der Videospur passt zu einem Archivfragment, das noch im Sicherungssystem liegt.“
Hartwig verschränkte die Hände.
„Noch.“
Der IT-Leiter sah ihn an.
„Wie bitte?“
„Sie sagten, es liegt noch dort.“
„Ja.“
„Dann sichern Sie es.“
Sabine hielt den Blick auf Hartwig gerichtet.
„Das war ohnehin der nächste Schritt.“
Zum ersten Mal wirkte er verärgert.
Nur einen Moment.
Dann war sein Gesicht wieder glatt.
Die Compliance-Frau stellte mir Fragen.
Wann ich den Raum betreten hatte.
Wann ich den Stick gesehen hatte.
Wer danach im Raum gewesen war.
Ob ich ihn angefasst hatte.
Ob ich mit jemandem darüber gesprochen hatte.
Ich beantwortete alles so genau ich konnte.
Als sie fragte, ob mir in den vergangenen Wochen etwas Ungewöhnliches aufgefallen sei, sagte ich zuerst nein.
Dann dachte ich an den dritten Stock des Lagers.
An die Abende, an denen Markus plötzlich selbst unten gewesen war, obwohl er sonst jeden Weg in die operative Halle vermied.
An die Türen, die nach meiner Spätschicht offen gestanden hatten.
Und an die roten Kunststoffbänder.
„Vielleicht doch.“
Alle sahen zu mir.
Ich erklärte, dass ich in den letzten zwei Monaten mehrmals zerrissene rote Sicherungsbänder in den Papierkörben nahe dem Lastenaufzug gefunden hatte. Nicht viele. Zwei oder drei auf einmal. Ich hatte angenommen, sie gehörten zu Verpackungen.
Der Werkschutzleiter beugte sich vor.
„Sicherungsbänder mit Nummern?“
„Ja.“
„Rot mit weißem Feld?“
„Genau.“
Er sah Sabine an.
„Die verwenden wir bei intern gesperrten Paletten.“
Markus rieb sich über den Mund.
„Das kann überall herkommen.“
„Nicht überall“, sagte der Werkschutzleiter. „Die Bänder werden dokumentiert.“
Ich erinnerte mich an etwas anderes.
„Einmal lagen sie in einem Papierkorb im Büroflur.“
„Wann?“
„Vor ungefähr drei Wochen. Am Freitagabend.“
Markus sah mich jetzt direkt an.
Nicht verächtlich.
Nicht wütend.
Ängstlich.
Das war neu.
Die Compliance-Frau schrieb jedes Wort auf.
„Können Sie das Datum genauer eingrenzen?“
Ich dachte an meinen Schichtplan.
„Es müsste der vierzehnte gewesen sein. An dem Abend sollte ich ursprünglich im zweiten Stock arbeiten, aber Herr Keller hat mich nach unten geschickt.“
„Ich habe Sie wohin geschickt?“
„In die Kantine.“
„Warum sollte ich das tun?“
„Sie sagten, oben sei eine vertrauliche Besprechung.“
Markus schüttelte sofort den Kopf.
„Das ist Unsinn.“
„Ich habe die Änderung im Reinigungsprotokoll eingetragen.“
Stille.
Unsere Protokolle interessierten normalerweise niemanden.
Wann welcher Raum gereinigt wurde.
Wer eine Sonderanweisung gab.
Welche Tür verschlossen war.
Welche Fläche nicht betreten werden durfte.
Dinge, die wichtig wurden, wenn jemand ausrutschte oder ein Schlüssel fehlte.
Ansonsten waren sie Papier.
An diesem Morgen nicht.
Der Werkschutzleiter stand auf.
„Ich hole die Protokolle.“
Hartwig sagte plötzlich: „Das ist vollkommen außer Verhältnis.“
Sabine sah ihn an.
„Dann erklären Sie mir das Video.“
„Ich werde gar nichts erklären, bevor mein Anwalt hier ist.“
„Das ist Ihr gutes Recht.“
Er stand auf.
Der Werkschutzmann an der Tür machte einen Schritt zur Seite, aber nicht genug.
„Ich gehe.“
„Nein“, sagte Sabine.
Hartwig lächelte kalt.
„Sie können mich nicht festhalten.“
„Nein. Aber ich kann Ihnen mitteilen, dass Ihr Zugang zu allen Systemen mit sofortiger Wirkung gesperrt wird und dass der Aufsichtsrat Sie bis zur Klärung Ihrer Funktion suspendiert.“
Jetzt veränderte sich sein Gesicht.
Nicht viel.
Aber genug.
Markus starrte ihn an.
Und in diesem Blick lag etwas, das ich vorher nicht verstanden hatte.
Keine Loyalität.
Keine Partnerschaft.
Angst vor demselben Mann.
Als Hartwig schließlich den Raum verließ, begleitet vom Werkschutz, blieb Markus sitzen.
Sabine wandte sich an ihn.
„Möchten Sie jetzt etwas sagen?“
Markus schwieg lange.
Dann sah er auf den leeren Platz, auf dem Hartwig gesessen hatte.
„Der Stick gehört mir.“
Niemand sagte etwas.
Ich spürte, wie meine Finger sich um den Griff des Wagens spannten.
Markus hob den Blick.
„Und wenn Sie wissen wollen, warum ich ihn bei mir hatte, dann sollten Sie sich zuerst fragen, warum Herr Hartwig seit Wochen versucht, mich als einzigen Verantwortlichen für etwas darzustellen, das er selbst begonnen hat.“













