Am folgenden Morgen durfte Richard Emilia für wenige Minuten besuchen.
Er setzte sich neben das Bett, ohne ihre Hand zu bewegen.
Die Ärztin hatte ihm erklärt, dass ihr Körper Zeit brauche und er aus kleinen Reaktionen noch keine sicheren Schlüsse ziehen dürfe.
Richard erzählte deshalb nichts von der Polizei oder dem Friedhof.
„Dein Stoffhase liegt noch auf deinem Kopfkissen“, sagte er.
„Ich passe auf ihn auf, bis du wieder nach Hause kannst.“
Emilia antwortete nicht.
Ein Gerät gab in regelmäßigen Abständen einen leisen Ton von sich.
Richard erinnerte sich, wie oft er früher beim gemeinsamen Abendessen auf sein Telefon geschaut hatte.
An diesem Bett schaltete er es aus.
Vor dem Zimmer wartete seine Schwester Kathrin.
Sie war am Friedhof gewesen und hatte ihm am Abend zuvor eine Nachricht geschickt: Vanessa sei nach ihrer Befragung zunächst gegangen, inzwischen aber erneut von der Polizei aufgesucht worden.
Richard wusste, dass eine Beschuldigung nicht schon die Wahrheit bewies.
Trotzdem wollte er nicht in das Haus zurück, in dem Vanessa die letzten Tage an seiner Seite verbracht hatte.
„Du kannst bei uns schlafen“, bot Kathrin an.
„Oder ich bleibe bei Emilia, wenn du etwas erledigen musst.“
Richard schüttelte den Kopf.
„Nicht, solange sie hier liegt.“
Kathrin setzte sich zu ihm.
Lange sprachen sie nicht.
Dann fragte sie etwas, das Richard in seinem Schmerz verdrängt hatte.
„Hast du Vanessa erzählt, dass du dich trennen wolltest?“
Er sah sie an.
Vor vier Wochen hatte Richard bei einem Anwalt eine Beratung über seine Ehe gesucht.
Seit Monaten stritten Vanessa und er über Geld und über ihren Umgang mit Emilia.
Vanessa hatte Richard mehrfach gedrängt, seine Tochter häufiger in ein Internat zu schicken.
Emilia wiederum war in den letzten Wochen stiller geworden, sobald Vanessa den Raum betrat.
Richard hatte die Anzeichen gesehen und sich eingeredet, die Spannungen würden verschwinden, wenn er nur genug Ruhe in den Alltag bringe.
„Ich habe ihr gesagt, dass ich eine Trennung ernsthaft erwäge“, antwortete er.
„Aber ich weiß nicht, ob das irgendetwas mit Emilias Zustand zu tun hat.“
Kathrin nahm seine Hand.
„Dann sag der Polizei genau das.
Nicht mehr und nicht weniger.“
Am Mittag rief Kommissarin Scholz an.
Die Unterschrift unter der Anweisung, den Sarg nicht zu öffnen, stimmte nach einer ersten Untersuchung in mehreren Merkmalen nicht mit Richards bekannten Unterschriften überein.
Eine abschließende Begutachtung stand noch aus.
Entscheidend war vorerst ein anderer Fund: Die Klinik hatte einen elektronischen Entwurf der Anweisung gespeichert.
„Wer hat ihn erstellt?“, fragte Richard.
„Der Zugang gehörte Dr. Reuter.
Die endgültige Fassung wurde an eine Adresse geschickt, die Vanessa Hartmann nutzte.
Wir überprüfen, wer tatsächlich Zugriff hatte.“
Richard musste sich an der Fensterbank abstützen.
Der Gedanke, Vanessa könne eine Unterschrift gefälscht haben, war schlimm.
Schlimmer war, dass es in diesem Dokument um den letzten Blick auf sein Kind gegangen war.
Die Ermittler hatten inzwischen auch die Reinigungskraft Lea und eine Pflegefachfrau namens Inga Faber erneut befragt.
Inga hatte zunächst geschwiegen.
Bei ihrer zweiten Aussage schilderte sie, wie Emilia am Dienstag nach einer plötzlich einsetzenden Bewusstlosigkeit auf die Station gebracht worden war.
Reuter habe die Versorgung übernommen, den Zugang zum Zimmer beschränkt und später behauptet, der Tod sei eingetreten.
Doch in der Nacht hatte Inga bei einer Kontrolle weiterhin Atmung und einen messbaren Kreislauf festgestellt.
Sie hatte darauf hingewiesen und verlangt, andere Ärzte hinzuzuziehen.
Reuter untersagte es und drohte mit dienstrechtlichen Folgen.
Inga trug die Werte in ein privates Notizbuch ein, anstatt ihre Sorge sofort außerhalb der Klinik zu melden.
„Warum hat sie nicht die Polizei gerufen?“, fragte Richard bitter.
„Das werden wir ebenfalls klären“, sagte Scholz.
„Ihre Untätigkeit ist ernst.
Ihre Aussage kann trotzdem helfen, die Abläufe zu rekonstruieren.“
Richard wollte Schuldige.
Aber je länger er zuhörte, desto deutlicher wurde, dass es verschiedene Verantwortlichkeiten gab.
Einer hatte eine Behandlung angeordnet.
Andere hatten Anzeichen gesehen.
Und mehrere hatten die Gelegenheit verstreichen lassen, Hilfe zu holen.
Die Kinderklinik meldete später einen vorläufigen Befund.
In Emilias Blut waren Stoffe nachgewiesen worden, die zu einer erheblichen medikamentösen Beeinträchtigung passten.
Für eine genaue Zuordnung und die Frage, wann etwas verabreicht worden war, brauchte das Labor weitere Untersuchungen.
Dr. Brandt warnte Richard ausdrücklich davor, aus einem Laborwert allein auf einen Täter zu schließen.
Als Richard am Abend vor Emilias Bett saß, dachte er an den Nachmittag vor dem Zusammenbruch.
Emilia hatte ihn angerufen und gefragt, ob er beim nächsten Schulfest kommen werde.
Er hatte versprochen, es zu versuchen.
Sie hatte daraufhin nur gesagt: „Du versuchst es immer.“ Er wusste jetzt, dass sie nicht über Geld gesprochen hatte.
Kommissarin Scholz erschien noch einmal persönlich.
Diesmal hatte sie einen Ausdruck mitgebracht, den Richard selbst zur Verfügung gestellt hatte: die Abrechnungen eines gemeinsamen Haushaltskontos.
Zwischen mehreren alltäglichen Zahlungen stand eine Überweisung an eine Beratungsfirma, die nach den bisherigen Erkenntnissen mit Dr. Reuter verbunden war.
„Vanessa hat gesagt, das seien medizinische Zusatzleistungen“, erklärte Richard.
„Der Verwendungszweck lautet anders“, erwiderte Scholz.
„Und die Zahlung erfolgte zwei Tage vor Emilias Zusammenbruch.
Wir werden nicht behaupten, damit sei schon eine Straftat bewiesen.
Aber wir werden nach den zugrunde liegenden Verträgen fragen.“
Sie legte ihm außerdem eine Information aus den gesicherten Zugangsdaten der Klinik vor.
Ein Pflegecomputer hatte die Anweisung für den verschlossenen Sarg nicht erst nach der angeblichen Todesfeststellung aufgerufen, sondern bereits davor.
Zu diesem Zeitpunkt war Emilia nach den Aufzeichnungen noch lebend auf der Station behandelt worden.
Richard ließ die Papiere sinken.
Es war nicht länger nur die Frage, ob Vanessa aus Angst gelogen hatte.
Jemand hatte den Abschied vorbereitet, während seine Tochter noch am Leben war.
„Wir suchen jetzt nach den ursprünglichen Nachrichten zwischen den Beteiligten“, sagte Scholz.
„Damit wir unterscheiden können, wer den Plan entwarf und wer ihn ausführte.“
Bevor sie ging, erhielt sie eine Nachricht von ihrer Kollegin.
Sie las, wurde ernst und steckte das Telefon weg.
„Wir haben auf einem gesicherten Dienstgerät eine versendete Mitteilung gefunden“, sagte sie.
„Sie stammt aus der Nacht, in der Lea das Foto machte.
Die Adressatin war Vanessa.“
„Was steht darin?“
Scholz sah ihn an.
„Der Arzt schrieb: Das Kind lebt noch.
Wir müssen den Transport stoppen.“
Wer diese Warnung beantwortete und warum der Transport trotzdem stattfand, wird in Teil 5 entscheidend.













