Niemand bewegte sich sofort.
Der Bestatter sah Richard an, dann den Pfarrer, als brauche er eine Erlaubnis, die keiner geben wollte.
Der Sarg war bereits auf den Trägern über dem offenen Grab befestigt.
Richard ging an den Rand und griff nach dem Deckel.
„Ich habe gesagt, Sie sollen ihn öffnen.“
„Herr Hartmann, das ist aus hygienischen Gründen nicht vorgesehen“, erwiderte der Bestatter.
„Uns liegt eine ärztliche Bescheinigung vor.“
Richard hörte das Wort Bescheinigung, als komme es aus weiter Ferne.
Er riss nicht weiter an der verschlossenen Kante.
Stattdessen zog er sein Telefon hervor und wählte den Notruf.
„Meine Tochter liegt in einem Sarg auf dem Friedhof.
Es gibt den Verdacht, dass sie noch lebt.
Schicken Sie sofort einen Rettungswagen und die Polizei.“
Die Frau in der Leitstelle fragte nach dem Standort und nach konkreten Anzeichen.
Richard musste zugeben, dass er noch keine hatte.
Dann hielt er das Telefon an sein Ohr und wies die Träger an, den Sarg auf eine feste Fläche zu stellen.
Der Junge im Schlamm wurde von den Leibwächtern noch immer festgehalten.
Richard drehte sich um.
„Lasst ihn los.“
Die Männer zögerten.
Erst als Richard den Befehl wiederholte, nahmen sie die Hände von den Schultern des Kindes.
Der Junge stand auf, wischte sich das Gesicht ab und blieb dicht neben dem Grab.
„Wie heißt du?“, fragte Richard.
„Elias König.“
„Elias, was hast du gesehen?“
„Sie hat geatmet.
Gestern Abend.
In der Klinik.
Ich habe es gesehen.“
Vanessa trat einen Schritt vor.
„Richard, bitte.
Lass das nicht zu.
Emilia hat genug gelitten.“
Richard sah sie an.
Vor drei Tagen hatte der behandelnde Arzt ihnen mitgeteilt, Emilias Herz habe nach einem plötzlichen Zusammenbruch aufgehört zu schlagen.
Richard durfte seine Tochter nur kurz durch ein Fenster sehen.
Das Personal sprach von besonderen Vorsichtsmaßnahmen und riet davon ab, den Körper noch einmal zu berühren.
Er hatte alles unterschrieben, was man ihm vorlegte, weil er nicht mehr klar denken konnte.
„Wenn sie tot ist“, sagte er leise, „werden wir das feststellen.
Wenn nicht, verlieren wir gerade jede Sekunde.“
Der Bestatter bekam schließlich den Verschluss auf.
Zwei Mitarbeiter hoben den Deckel an.
Ein weißes Tuch bedeckte Emilias Körper bis zu den Schultern.
Ihre Haut war blass, die Lippen kaum gefärbt.
Richard hatte Angst, sie anzufassen.
Dann berührte er ihre Hand.
Sie war kühl, aber nicht so kalt, wie er gefürchtet hatte.
„Emilia?“
Keine Reaktion.
Elias beugte sich über die andere Seite des Sarges.
„Schauen Sie auf ihren Hals“, flüsterte er.
„Ganz genau.“
Richard konnte zunächst nichts erkennen.
Der Pfarrer hob seinen Schirm über die Öffnung, damit kein weiterer Regen auf das Kind fiel.
Plötzlich sah Richard eine winzige Bewegung am Ansatz von Emilias Hals.
Dann noch eine.
„Sie atmet!“, schrie er.
Er wagte nicht, sie aus dem Sarg zu heben.
Die Frau vom Notruf gab ihm Anweisungen, ruhig zu bleiben und die Atmung weiter zu beobachten.
Jemand brachte eine trockene Decke.
Der Bestatter wich zurück und begann zu weinen.
Richard hörte selbst nicht auf zu sagen, dass Hilfe unterwegs sei.
Als der Rettungswagen eintraf, vergingen die Minuten in einer Folge präziser Handgriffe.
Eine Notärztin prüfte Emilias Kreislauf, ließ Sauerstoff vorbereiten und ordnete den sofortigen Transport in eine Kinderklinik an.
Von einer gesicherten Diagnose sprach sie nicht.
„Ihre Tochter zeigt Lebenszeichen“, sagte sie zu Richard.
„Sie ist schwer beeinträchtigt.
Wir müssen jetzt handeln.“
Das war mehr, als Richard in den vergangenen drei Tagen zu hoffen gewagt hatte.
Elias wollte mitlaufen, doch ein Sanitäter bat ihn zurückzubleiben.
Richard nahm den Jungen für einen kurzen Augenblick am Arm.
„Wo ist deine Mutter?“
„In der Klinik.
Sie putzt dort.
Oder sie hat dort geputzt.
Ich weiß nicht, ob sie noch arbeiten darf.“
„Warum ist sie nicht selbst gekommen?“
Elias sah zu Vanessa hinüber.
Sie stand bei einem schwarzen Wagen, ihr Schirm tief über das Gesicht gezogen.
„Mama hat die Polizei angerufen“, sagte er.
„Aber sie wusste nicht, ob jemand rechtzeitig hierherkommt.
Die Leute in der Klinik haben ihr Telefon genommen.
Sie hat mich durch den Lieferhof hinausgeschickt.“
Richard wollte fragen, wer diese Leute waren.
Da bemerkte er, dass Vanessa in den Wagen steigen wollte.
Er ging auf sie zu, während hinter ihm die Türen des Rettungswagens geschlossen wurden.
„Du fährst nirgendwohin, bevor du mir sagst, was geschehen ist.“
„Ich habe nichts getan.“
„Dann bleib.
Die Polizei wird Fragen haben.“
Vanessa musterte ihn mit einem Ausdruck, den er noch nie an ihr gesehen hatte: weniger Trauer als die Berechnung, wie viel er bereits wusste.
Sie zog die Tür wieder zu, behielt aber ihre Hand am Griff.
Zwei Streifenwagen hielten vor dem Friedhof.
Eine Beamtin stellte sich als Kriminalkommissarin Mara Scholz vor und bat darum, die Trauergäste nicht fortzuschicken.
Richard erzählte, was Elias gesagt hatte, und berichtete von dem ungewöhnlichen Abschied in der Privatklinik Sonnenhof.
„Wir sichern zuerst die Unterlagen und sprechen getrennt mit den Beteiligten“, erklärte Scholz.
„Bitte tauschen Sie jetzt keine Vermutungen aus.“
Richard nickte.
Er war es gewohnt, auf Antworten zu drängen.
Zum ersten Mal begriff er, dass er Emilia am besten helfen würde, wenn er andere sorgfältig arbeiten ließ.
Elias zog ein kleines Mobiltelefon aus der Hosentasche.
Das Display war gesprungen.
Seine Hände zitterten, als er es der Kommissarin zeigte.
„Meine Mutter hat mir gestern ein Bild geschickt“, sagte er.
„Bevor sie ihr Handy weggenommen haben.“
Scholz betrachtete den Bildschirm, ohne ihn zu berühren.
Darauf war ein schmaler Ausschnitt aus einem Klinikmonitor zu sehen.
Über einer Kurve stand Emilias Vorname.
Rechts unten leuchtete eine Uhrzeit: gestern, 21.17 Uhr.
„Meine Mutter sagte, ich soll das keinem aus der Klinik zeigen“, fügte Elias hinzu.
Richard starrte auf die Zeit.
Laut der Todesbescheinigung, die er unterschrieben hatte, war seine Tochter zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Tagen tot gewesen.
Wenn das Bild echt war, hatte jemand nicht nur einen Fehler gemacht.
Jemand hatte dafür gesorgt, dass Richard seine lebende Tochter für tot hielt.
Richard bat Scholz, Elias und seine Mutter nicht vor den anderen Trauergästen ausfragen zu lassen.
Er erinnerte sich daran, wie der Junge eben noch im Schlamm gelegen hatte, während Erwachsene über ihn hinweg entschieden.
Die Kommissarin versprach keine Vorzugsbehandlung, aber sie erklärte, dass die Aussage eines Minderjährigen geschützt aufgenommen werde.
Für Richard war das die erste vernünftige Antwort auf eine Frage, die er ohne Geld und ohne Befehl gestellt hatte.
Um zu erfahren, wer den Monitor trotz des Totenscheins noch überwachte, lies weiter in Teil 3.













