Miriam Seidel.
Der Name auf dem Display gehörte der Frau, die einmal alles über mich gewusst hatte.
Wir hatten uns mit vierzehn kennengelernt, zusammen die Schule beendet und einander durch Beerdigungen, Trennungen und Umzüge begleitet.
Neun Monate zuvor hatte ich ihr gesagt, dass ich nie wieder von ihr hören wollte.
Sie hatte Frederik vorgeworfen, Geld von unserem gemeinsamen Konto verschwinden zu lassen.
Er hatte mir damals Nachrichten gezeigt, in denen Miriam angeblich Geld für ihr Schweigen verlangte.
Ich hatte ihm geglaubt.
Jetzt rief sie zum zwölften Mal ein Telefon an, das unter unserem Hochzeitssitz versteckt worden war.
„Warum steht Miriams Name dort?“, fragte ich.
Frederik fuhr sich über die Stirn.
„Sie lässt uns einfach nicht in Ruhe“, sagte er.
„Woher kennt sie die Nummer?“
„Weil sie überall herumschnüffelt.“
Markus stand neben dem Wagen und blickte auf seine Schuhe.
Mein Vater legte mir eine Hand auf den Arm.
„Ich habe gesehen, wie er das Telefon vor der Trauung unter den Sitz geschoben hat“, sagte er.
„Du hast es gesehen?“, fragte ich.
„Ja. Und kurz davor hat Frederik ihm etwas zugeraunt. Ich konnte nicht alles verstehen. Nur, dass niemand außer den beiden davon erfahren sollte.“
Frederik schüttelte den Kopf.
„Das war wegen einer Überraschung für Klara.“
„Welche Überraschung?“, fragte Luisa.
Er schwieg.
Ich spürte, wie mir die Schleppe meines Kleides gegen die Knöchel schlug.
Vor fünf Minuten hatte ich noch darüber nachgedacht, ob auf dem Gutshof genug Platz für unsere Gäste wäre.
Jetzt versuchte ich zu begreifen, warum mein Mann eine gemeinsame Geschichte mit unserem angeblich unbekannten Fahrer verschwieg.
„Markus, gehört Ihnen das Handy?“
Seine Lippen bewegten sich, bevor ein Ton herauskam.
„Ja“, sagte er schließlich.
Frederik schloss kurz die Augen.
„Sie haben uns heute Morgen erzählt, Sie seien zum ersten Mal für unsere Familie im Einsatz“, erinnerte Luisa ihn.
„Das stimmt doch auch.“
„Aber Sie kennen Frederik?“
Markus sah zu ihm hinüber.
„Seit einigen Monaten.“
Frederik trat einen Schritt auf ihn zu.
„Du musst jetzt nicht jedes Detail ausbreiten.“
Mein Vater stellte sich unaufgeregt dazwischen.
„Er beantwortet ihre Frage“, sagte er.
Das Telefon klingelte nicht mehr.
Ich hielt es noch immer in der Hand, als könne ich darin eine Antwort ertasten.
Dann erschien auf meinem eigenen Handy eine Nachricht.
Sie kam von einer unbekannten Nummer.
*Bitte hör mir nur einmal zu. Ich bin vor der Kirche. Miriam.*
Mir wurde schwindelig.
Ich hatte ihre Nummer vor Monaten gelöscht, nicht aber den Ton ihrer Stimme aus meiner Erinnerung.
„Ich will mit ihr sprechen“, sagte ich.
Frederik reagierte sofort.
„Klara, du weißt, was sie uns angetan hat.“
„Nein“, erwiderte ich. „Ich weiß, was du mir darüber erzählt hast.“
Ich erinnerte mich an den Abend, an dem diese Freundschaft zerbrochen war.
Miriam hatte mit verweinten Augen vor unserer Wohnung gestanden und gesagt, ich solle die Buchungen selbst prüfen.
Frederik hatte sein Telefon auf den Küchentisch gelegt.
Auf dem Bildschirm waren angebliche Nachrichten von ihr zu sehen gewesen, darunter der Satz, dass Ruhe ihren Preis habe.
Ich hatte Miriam beschuldigt, neidisch auf unser Glück zu sein.
Sie hatte mich gefragt, ob ich wirklich glaubte, dass sie für Geld auf sechzehn gemeinsame Jahre verzichten würde.
Meine Antwort war gewesen, die Wohnungstür zu schließen.
In den Monaten danach hatte ich ihren Geburtstag verstreichen lassen und ihre Weihnachtskarte ungelesen zurückgeschickt.
Die Erinnerung tat weh, weil sie nicht mehr so eindeutig aussah wie damals.
Das war das erste Mal, dass ich den Unterschied aussprach.
Luisa fragte den Küster, ob wir den kleinen Raum neben der Sakristei benutzen dürften.
Mein Vater führte mich dorthin, ohne mich am Arm zu ziehen oder für mich zu entscheiden.
Frederik folgte uns trotz meiner Bitte, draußen zu warten.
„Wir sind seit zwei Tagen standesamtlich verheiratet“, sagte er leise. „Du kannst mich nicht einfach ausschließen.“
„Gerade deshalb muss ich dir vertrauen können“, antwortete ich.
Er blieb an der Tür stehen.
Wenig später betrat Miriam den Raum.
Sie trug eine dunkle Hose und eine Jacke, die viel zu dünn für den Wind draußen war.
Auf dem Unterarm hielt sie einen braunen Umschlag.
Als sie mich sah, blieb sie stehen.
„Du siehst wunderschön aus“, sagte sie.
Ich hätte fast geweint.
Es war genau das, was sie bei meinem ersten Brautkleidtermin hätte sagen sollen.
Damals war sie schon nicht mehr Teil meines Lebens gewesen.
„Warum rufst du diesen Fahrer an?“, fragte ich.
„Weil er mir gestern versprochen hat, heute mit dir zu reden. Und weil ich ihm nicht mehr getraut habe, als er plötzlich nicht mehr ranging.“
Markus stand hinter ihr.
Er machte keine Anstalten, ihr zu widersprechen.
„Worüber reden?“, fragte ich.
Miriam öffnete den Umschlag.
Sie zog zwei Rechnungen und einen Kontoauszug hervor.
„Über das Geld, das deine Mutter dir hinterlassen hat.“
Ich nahm die Papiere nicht an.
Nach dem Verkauf der kleinen Wohnung meiner Mutter hatte ich den Erlös auf ein gemeinsames Rücklagenkonto eingezahlt.
Frederik und ich wollten damit unser zukünftiges Zuhause renovieren.
Von diesem Konto hatten wir auch Teile der Hochzeit bezahlt.
Er kümmerte sich um die Überweisungen, weil er die Angebote verhandelte.
Ich hatte ihn darum gebeten.
„Die Rechnungen waren höher als vereinbart“, erklärte Miriam. „Nicht alle sind echt.“
Frederik lachte auf.
„Ausgerechnet sie will dir etwas über Ehrlichkeit erzählen?“
Miriam sah ihn nicht an.
Sie legte einen Beleg auf den Tisch.
Darauf stand ein Betrag von 12.400 Euro für angebliche zusätzliche Ausstattung der Feier.
Ich kannte die Firma nicht.
„Der Gutshof hat diese Leistung nie bestellt“, sagte sie. „Ich habe die ursprüngliche Kostenaufstellung, die du mir vor einem Jahr geschickt hattest.“
„Das kann ein Nachtrag sein“, sagte Frederik.
„Dann zeigen wir uns den Nachtrag“, antwortete ich.
Zum ersten Mal an diesem Tag sprach niemand für mich.
Ich betrachtete die nächste Zeile des Kontoauszugs.
Dort stand ein Name, den ich vor wenigen Minuten noch für völlig unbedeutend gehalten hatte.
Markus Wolf.
„Warum hat unser Fahrer Geld von meinem Konto bekommen?“
Markus presste die Hände zusammen.
„Nicht nur ich“, sagte er. „Und nicht nur heute.“
Miriam zog ein weiteres Blatt aus dem Umschlag und schob es über den Tisch.
Vier Zahlungen waren gelb markiert.
Zusammen ergaben sie 48.600 Euro.
Ich starrte auf die Summe.
Dann bemerkte ich das Datum der letzten Überweisung: gestern, am Tag vor unserer kirchlichen Trauung.
Noch war mir nicht klar, wer wofür bezahlt worden war.
Aber ich wusste, welche Frage Frederik mir seit Monaten nicht ehrlich beantwortet hatte.
Wie aus den Rechnungen eine verschwiegene Summe wurde, erfährst du in Teil 3.













