Die Fahrt nach Hause dauerte normalerweise zwölf Minuten.
An diesem Abend brauchte ich fast eine halbe Stunde, weil ich auf dem Parkplatz dreimal den Motor abstellte und gegen die Tränen ankämpfte.
Auf dem Beifahrersitz lag die gefaltete Kündigung, die Martin mir gegeben hatte.
Sie fühlte sich schwerer an als meine gesamte Schultasche.
Als ich unsere Wohnung betrat, saß meine Mutter am Küchentisch und versuchte, eine aufgeplatzte Naht an ihren Arbeitsschuhen zu nähen.
Daneben lagen die Stromrechnung und ein Brief des Vermieters.
Sie sah mein Gesicht und legte sofort die Nadel hin.
„Emily, was ist passiert?“
Ich erzählte ihr alles, vom alten Mann am Fenster bis zu Martins Unterschrift unter dem Formular.
Bei dem Betrag von 6,22 Euro musste ich plötzlich selbst lachen.
Es war ein kurzes, erschöpftes Geräusch, das fast wie ein Schluchzen klang.
„Ich hätte einfach die Suppe bringen sollen“, sagte ich.
Meine Mutter schob den Schuh zur Seite.
„Du hast einen Fehler bei einem Rabatt gemacht. Das ist nicht dasselbe, wie etwas zu stehlen.“
„Martin sagt, ich hätte schon einmal eine Regel missachtet.“
„Weil du eine Frau nicht in den Frost schicken wolltest.“
Sie zog den Brief zu sich heran und las ihn langsam.
Dann deutete sie auf die Zeile über meiner Unterschrift.
„Hier steht, dass du den Empfang bestätigt hast. Nicht, dass du mit allem einverstanden bist.“
Ich hatte in Martins Büro kaum etwas erkennen können.
Jetzt sah ich es ebenfalls.
Das Papier würde nicht von selbst verschwinden, aber mein Name darunter bedeutete vielleicht weniger, als ich gefürchtet hatte.
Wir rechneten nach, wie lange wir ohne meinen Lohn auskommen würden.
Wenn wir auf neue Kleidung verzichteten und meine Mutter einige zusätzliche Schichten übernehmen konnte, vielleicht sechs Wochen.
Ich hasste den Gedanken, dass sie noch mehr arbeiten sollte.
Sie hatte längst Schmerzen in den Knien und trug ihre abgenutzten Schuhe nicht aus Gleichgültigkeit.
Gegen neun Uhr vibrierte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display.
„Berger?“
„Guten Abend, Emily. Hier ist Frank, von Tisch sieben. Ich hoffe, ich störe nicht.“
Ich setzte mich so schnell, dass der Stuhl über die Fliesen kratzte.
„Nein. Wie geht es Ihnen?“
„Gut. Das Abendessen war ausgezeichnet. Aber ich wollte nicht wegen des Essens anrufen.“
Er fragte, ob ich sicher zu Hause angekommen sei und ob ich die Unterlagen noch hätte.
Als ich beides bestätigte, wurde seine Stimme ernster.
„Bewahren Sie den Kassenbon und das Schreiben auf. Und schreiben Sie auf, was heute geschehen ist, solange Sie sich an jedes Wort erinnern.“
„Warum? Können Sie etwas dagegen tun?“
Er schwieg einen Augenblick.
„Ich kann dafür sorgen, dass die richtigen Fragen gestellt werden. Mehr möchte ich Ihnen noch nicht versprechen.“
Bevor wir auflegten, bat er um Erlaubnis, meine Telefonnummer an eine Mitarbeiterin der Verwaltung weiterzugeben.
Ich sagte ja, bestand aber darauf, dass niemand meine Mutter bei der Arbeit anrief.
Frank wiederholte diese Bitte, als wollte er sie sich einprägen.
Am nächsten Morgen saß ich im Unterricht und hörte kaum zu.
Vor mir lag ein leeres Blatt, auf dem ich eine Liste machte: Zeitpunkt des Einkaufs, Preis, Kartenzahlung, Angebot zur Nachzahlung, erste Verwarnung.
Es war das erste Mal, dass ich ein Erlebnis so aufschrieb, als müsste ich beweisen, dass ich selbst dabei gewesen war.
In der großen Pause rief meine Kollegin Jana an.
Sie hatte mir am Vorabend den Autoschlüssel nach draußen gebracht.
„Martin hat uns verboten, mit Gästen über die Sache zu reden“, flüsterte sie.
„Ich will niemanden in Schwierigkeiten bringen.“
„Das weiß ich. Aber ich habe gesehen, dass du mit deiner eigenen Karte bezahlt hast. Ich stand hinter der Kasse.“
Jana erzählte, dass Martin schon am Morgen nach den Personalkosten gefragt und den Dienstplan wieder geändert hatte.
Zwei Aushilfen hatten ihre Schichten verloren.
Das bewies noch keine böse Absicht, machte mir aber klar, dass ich vielleicht nicht die Einzige war, die Angst vor dem nächsten Gespräch mit ihm hatte.
„Schreib dir auf, was du gesehen hast“, bat ich.
„Und wenn er mich danach fragt?“
„Dann entscheide selbst, was du sagen möchtest. Ich werde deinen Namen nicht ohne deine Zustimmung nennen.“
Nach der Schule fuhr ich mit meiner Mutter zu einer Beratungsstelle.
Dort erklärte man uns, dass die Fristen bei einer Kündigung wichtig seien und ich das Schreiben möglichst schnell prüfen lassen sollte.
Die Beraterin versprach keine einfache Lösung.
Sie gab uns aber eine Adresse für weitere rechtliche Unterstützung und half mir, die nächsten Schritte zu sortieren.
Auf dem Tisch der Beraterin lag eine Schale mit kostenlosen Kugelschreibern.
Ich nahm einen, weil meiner im Unterricht ausgelaufen war, und schämte mich sofort für diesen Gedanken.
Inzwischen rechnete ich sogar bei Kleinigkeiten nach, ob ich sie mir leisten durfte.
Meine Mutter bemerkte meinen Blick und griff nach meiner Hand.
„Wenn du heute nur eines mitnimmst“, sagte sie, „dann bitte die Gewissheit, dass du dich wehren darfst.“
Ich steckte den Stift ein und beschloss, nicht mehr so zu tun, als sei mein Jobverlust eine private Schande, die ich möglichst leise ertragen musste.
Auf dem Rückweg klingelte mein Telefon erneut.
Diesmal meldete sich eine Frau namens Clara Hansen.
Sie sprach ruhig, ohne die übertriebene Freundlichkeit, die ich von manchen Vorgesetzten kannte.
„Frau Berger, ich arbeite in der Geschäftsführung von Hansen Gastronomie. Herr Frank hat mir von gestern Abend berichtet.“
„Hat Martin Sie gebeten, mich anzurufen?“
„Nein. Ich möchte Ihre eigene Darstellung hören. Wenn Sie es wünschen, kann Ihre Mutter dabei sein.“
Wir vereinbarten für den nächsten Nachmittag ein Gespräch in einem kleinen Café, nicht im Restaurant.
Clara sagte ausdrücklich, dass ich nichts unterschreiben müsse und mich zuvor beraten lassen könne.
Ich legte auf und sah meine Mutter an.
„Hansen Gastronomie“, wiederholte ich. „Warum ruft die Geschäftsführung meinetwegen an?“
Meine Mutter hob nur die Schultern.
Sie wusste es nicht, und ich wollte mir keine Erklärung ausdenken.
Am Abend kam eine kurze Nachricht mit der Bestätigung des Termins.
Unter der Absenderadresse stand die Signatur der Firma.
Ich öffnete die angehängte Kontaktkarte und las sie zweimal.
Dort war neben Clara Hansen noch ein zweiter Name angegeben: Frank Hansen, Gründer und Beiratsvorsitzender.
Ich dachte an den abgewetzten Wollmantel, die zerknitterten Scheine und den Mann, der nicht genug Geld für den Hackbraten zu haben schien.
Dann dachte ich an seine Frage, ob ein Unternehmen erkennen könne, was falsch lief.
Zum ersten Mal ahnte ich, wer an Tisch sieben gesessen hatte.
Doch warum hatte der Gründer seines eigenen Restaurants mich erst hinausgehen lassen, bevor er eingriff?
Lesen Sie in Teil 3 weiter, weshalb Frank Hansen seine wahre Rolle verschwiegen hatte und was er von mir verlangte.













