Rachel hängte das weiße Kleid vorsichtig an die Garderobe des kleinen Besprechungsraums.
Der feuchte Fleck lag auf Höhe der Hüfte und roch schwach nach Kaffee.
Ich musste an die alten Abiballfotos denken, auf denen ich versucht hatte, den dunklen Fleck meiner ersten zerstörten Festkleidung mit einem Blumenstrauß zu verdecken.
„Das ist doch nicht zu fassen“, sagte Rachel.
„Fass es bitte trotzdem an“, antwortete ich. „Wir müssen sehen, ob sich etwas machen lässt.“
Sie verstand sofort, dass ich keinen weiteren Streit meinte.
Sie holte ein sauberes weißes Tuch aus unserer Tasche, während Frau Henning eine Mitarbeiterin des Caterings um kaltes Wasser bat.
Wir tupften vorsichtig, ohne den Stoff zu reiben.
Der Fleck wurde heller, blieb aber sichtbar.
„Eine Änderungsschneiderei bekommen wir heute kaum her“, sagte Frau Henning. „Aber ich könnte prüfen, ob die Hausdame einen geeigneten Unterrock hat, damit die Stelle weniger auffällt.“
„Danke. Nur bitte nichts ohne mich entscheiden.“
Sie nickte.
Es war ein kleiner Satz, aber ich meinte ihn ernst.
Den ganzen Vormittag hatten andere Leute über meine Kleidung, meine Gefühle und meinen Platz in dieser Familie entschieden.
Damit war Schluss.
Als wir kurz allein waren, fragte Rachel, ob ich wirklich weiterfeiern wolle.
Sie sagte es ohne den vorsichtigen Ton, den meine Mutter immer benutzte, wenn sie mich in eine Richtung lenken wollte.
„Du darfst auch nach Hause fahren“, meinte sie. „Wir könnten einfach mit dir gehen.“
Ich betrachtete mein Spiegelbild im Fenster.
Die Frisur saß noch, das hellblaue Kleid war an der Schulter notdürftig befestigt, und unter meinen Augen lag ein Schatten.
In diesem Augenblick konnte ich mir nichts weniger vorstellen als einen Hochzeitstanz.
„Ich weiß nicht, ob ich heute heiraten kann“, sagte ich.
Rachel nahm meine Hand.
„Dann ist das die Wahrheit. Du musst jetzt noch keine andere haben.“
Daniel klopfte an, bevor er den Raum betrat.
Ich bat Rachel, kurz bei Frau Henning nachzufragen, ob die standesamtliche Trauung zur geplanten Zeit noch möglich sei, falls wir eine Pause brauchten.
Der Gutshof gehörte zu den zugelassenen Trauorten der Gemeinde, und die Standesbeamtin war bereits für den Nachmittag bestellt.
Ich wollte nicht wieder Dinge stillschweigend voraussetzen.
Daniel blieb auf Abstand stehen.
„Ich habe mit Helene gesprochen“, sagte er. „Sie kümmert sich um die Gäste. Niemand muss heute irgendetwas erfahren, was du nicht erzählen möchtest.“
„Du hättest mir von Natalies Nachrichten erzählen müssen.“
„Ja.“
Er versuchte nicht, mir zu erklären, dass er mich nur hatte schonen wollen.
Gerade deshalb konnte ich weiterreden.
„Als du heute früh angerufen hast, hast du so getan, als müsste ich etwas beichten. Ich habe die ganze Fahrt zum Gutshof überlegt, ob ich dir etwas versprochen und vergessen habe.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das war nicht fair. Ich wollte prüfen, ob Natalie schon etwas gesagt hatte, ohne ihren Namen auszusprechen. Ich habe dabei genau das gemacht, was deine Familie immer macht: Ich habe dich im Unklaren gelassen.“
Ich setzte mich.
„Ich brauche einen Mann, der auch dann offen mit mir redet, wenn es unangenehm wird. Nicht jemanden, der im richtigen Moment auf einer Bühne für mich eintritt.“
Er nahm mir gegenüber Platz.
„Ich wollte dich nicht retten, Klara. Ich wollte verhindern, dass sie mit ihrer Nachricht gewinnt. Aber ich hätte dich fragen müssen, was du brauchst.“
„Und jetzt?“
„Jetzt frage ich.“
Draußen hörten wir das Klappern von Geschirr.
Ich sah ihm ins Gesicht und wusste, dass ich seine Antwort nicht fürchten musste.
Wir konnten uns streiten, ohne dass einer von uns anschließend die Erinnerung daran umschrieb.
Das hatte ich bei ihm immer geliebt.
Heute musste er es auch beweisen.
„Ich brauche eine halbe Stunde“, sagte ich. „Und ich möchte nicht, dass Natalie bei der Trauung singt.“
„Dann singt sie nicht.“
„Das entscheidest nicht du.“
Er nickte sofort.
„Stimmt. Ich unterstütze deine Entscheidung.“
Als er gegangen war, kam mein Vater.
Er hielt weder Blumen noch eine Entschuldigung bereit, sondern nur den Autoschlüssel, den Natalie auf dem Tisch zurückgelassen hatte.
„Das Auto steht jetzt wieder verschlossen auf dem Parkplatz“, sagte er. „Frau Henning hat dein Kleid direkt genommen.“
Ich wunderte mich über seine Genauigkeit.
Früher hatte er mir in solchen Situationen nur gesagt, ich solle nicht alles so schwer nehmen.
„Papa, warum hast du bei dem Abiball nichts gesagt?“
Er wusste sofort, wovon ich sprach.
„Weil ich dachte, es sei leichter, den Streit zu beenden, als ihn auszuhalten.“
„Leichter für wen?“
Frank sah auf den Boden.
„Für mich, glaube ich.“
Ich hätte gern gehört, dass er damals nichts bemerkt hatte.
Seine Antwort war unangenehmer, aber zum ersten Mal ehrlich.
„Ich kann dir nicht versprechen, dass ich sofort alles richtig mache“, sagte er. „Aber ich werde deiner Mutter nicht mehr dabei helfen, diesen Tag als dein Problem darzustellen.“
„Das wäre ein Anfang.“
Im Flur begegnete ich Marlene.
Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
„Deine Schwester ist völlig aufgelöst. Sie hat doch das Kleid zurückgebracht.“
„Weil ich sie darum gebeten habe.“
„Du könntest sie wenigstens kurz anhören.“
„Ich habe sie angehört. Ich habe auch dich angehört. Heute möchte ich nicht mehr um meine eigene Hochzeit verhandeln.“
Marlene starrte mich an.
„Ich habe fünftausend Euro für dieses Fest gegeben.“
Ich spürte, wie vertraut dieser Satz war.
Vor meinem inneren Auge standen all die kleinen und großen Geschenke, die irgendwann zu Rechnungen geworden waren, sobald ich Nein sagte.
„Du hast uns das Geld als Geschenk gegeben“, erwiderte ich. „Wenn du glaubst, damit über mich verfügen zu können, war es kein Geschenk. Aber ich werde mich heute nicht dafür demütigen lassen.“
Sie sagte nichts mehr.
Ich ließ sie stehen.
Als ich das Brautzimmer wieder betrat, war der feuchte Fleck fast trocken.
Rachel hatte den Unterrock zurechtgelegt, und Frau Henning wartete mit einer Rückmeldung.
Die Standesbeamtin konnte die Trauung um vierzig Minuten verschieben, wenn wir uns rechtzeitig entschieden.
Mehr Zeit war nicht möglich, weil sie anschließend einen weiteren Termin hatte.
Ich zog das weiße Kleid an und betrachtete die helle Spur am Stoff.
Sie war klein genug, dass niemand sie aus der Ferne bemerken würde, und groß genug, dass ich sie kannte.
Auf dem Tisch lag noch die alte Abiballkarte.
Ich nahm sie in die Hand, las Natalies Satz ein letztes Mal und legte sie in meine Tasche.
Dann fragte Rachel:
„Klara, soll ich Daniel holen oder die Standesbeamtin absagen lassen?“
Zum ersten Mal an diesem Tag war die Entscheidung wirklich meine.
Lies in Teil 5, welche Antwort ich Rachel gab.













