Anton Weber erschien zur Vernehmung mit einer Mappe, die an der Kante durchgescheuert war.
Darin lagen seine alten Arbeitsnachweise und die Kündigung, die er am Morgen nach Emilias Tod erhalten hatte.
Er hatte die Unterlagen aufbewahrt, weil er damals um seinen ausstehenden Lohn hatte kämpfen müssen.
Kommissarin Seidel hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen.
Weber erklärte, dass Vincent ihn an jenem Abend gerufen habe, um den Geländewagen an die Nordzufahrt zu stellen.
Im Wagen habe eine Decke gelegen, auf der das Familienwappen eingestickt war.
Emilia habe gefroren und leise nach ihrem Hund gefragt.
Vincent habe ihr gesagt, sie würden zu einem Arzt fahren.
Weber habe gefragt, ob er helfen solle.
Vincent habe ihn fortgeschickt und selbst das Steuer übernommen.
„Warum haben Sie sich damals nicht bei der Polizei gemeldet?“, fragte Seidel.
„Ich habe mich gemeldet.
Ein Beamter sagte, es sei bereits geklärt, dass das Kind allein aus dem Garten gelaufen war.
Als ich von der Autofahrt anfing, wollte er wissen, ob ich sicher sei, dass ich nicht eine andere Nacht verwechselte.“
Weber zeigte seine Kündigung.
Die Unterschrift darunter gehörte Vincent.
Ein handschriftlicher Zusatz untersagte ihm, wieder auf dem Anwesen zu erscheinen.
Seidel versprach keine rasche Lösung.
Sie ließ die Unterlagen prüfen und verglich Webers Zeitangaben mit den alten Einsatzlisten.
Auch die damaligen Gutachten wurden neu gelesen.
In den Fotografien war zu erkennen, dass am Nordufer Reifenabdrücke im Schnee gewesen waren.
Die Ermittler hatten sie seinerzeit einem Fahrzeug der Suchmannschaft zugeordnet.
Nun stellte sich die Frage, ob die Spuren bereits vor Beginn der offiziellen Suche entstanden waren.
Dominik erfuhr all das erst, nachdem Judith ihm erklärte hatte, was die Polizei mitteilen durfte.
Er hätte jeden Zeugen selbst befragen können, zumindest früher.
Diesmal blieb er fern.
Es war schwerer, die Grenzen eines Verfahrens zu achten, als mit einer Drohung Antworten zu erzwingen.
Inzwischen meldete sich einer der beiden Männer, die Samuel im damaligen Prozess widersprochen hatten.
Er hieß Ralf Meissner und war seit Jahren nicht mehr für die Morettis tätig.
Auf die Anfrage der Polizei antwortete er zunächst ausweichend.
Schließlich gab er zu, das Gartentor in jener Nacht nicht selbst kontrolliert zu haben.
Seine Aussage beruhte auf einer Anweisung Vincents, der ihm erklärt hatte, Samuel sei für alles verantwortlich.
„Warum haben Sie das unter Eid behauptet?“, fragte Seidel.
„Weil ich fürchtete, sonst meine Arbeit und vielleicht mehr zu verlieren.“
Die neue Aussage entlastete Samuel.
Sie bewies noch nicht, was Emilia am See widerfahren war.
Aber zum ersten Mal standen mehrere voneinander unabhängige Widersprüche zu dem Urteil in einer Akte, statt nur im Gedächtnis eines verurteilten Mannes.
Vincent wusste inzwischen, dass ihm die Kontrolle entglitt.
Er ließ Dominik durch Daniel ausrichten, er wolle ein letztes Gespräch führen.
Dominik stimmte unter einer Bedingung zu: Judith Falk sollte dabei sein.
Kein Wachpersonal, keine Waffen und kein Versprechen über das, was anschließend mit seinen Worten geschähe.
Sie trafen sich in der Bibliothek, wo Bruno am ersten Morgen neben Klaras Putzwagen geschlafen hatte.
Jetzt war der Platz leer.
„Dein Vater hat dieses Haus mit mir aufgebaut“, begann Vincent.
„Er hat verstanden, dass man schmutzige Entscheidungen treffen muss, damit die Familie überlebt.“
„Er hat auch seine Tochter verloren.“
„Du glaubst, ich hätte das gewollt?“
Dominik antwortete nicht.
Vincent starrte auf die Regale, als könnten die Bücher ihm einen Satz liefern, der ihn rettete.
Schließlich sagte er, Emilia habe ihn am Nachmittag mit einem Mitarbeiter streiten hören.
Es sei um Lieferungen gegangen, die an den Geschäftsbüchern vorbeigeführt wurden.
Emilia habe gedroht, ihrem Vater alles zu erzählen.
Vincent habe sie im Gewächshaus warten lassen wollen, bis die Männer verschwunden seien.
Sie habe versucht, durch die Hintertür herauszukommen, sei gestürzt und habe sich am Kopf verletzt.
„Und als mein Vater sie fand?“, fragte Dominik.
„Er wollte Hilfe rufen.
Ich sagte ihm, ein Arzt warte auf uns.
Ich wollte verhindern, dass die Polizei wegen der Lieferungen das Gelände durchsucht.“
„Du hast sie in den Wagen gesetzt.“
Vincent nickte.
„Sie war wach.
Nicht richtig bei Kräften, aber wach.“
Judith unterbrach das Gespräch.
Sie erinnerte Vincent daran, dass er sich anwaltlich vertreten lassen könne, und erklärte Dominik, dass sie kein privates Verhör führen würden.
Vincent stand auf, doch vor der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Am Nordufer hat sie begriffen, dass wir nicht zu einem Arzt fuhren.
Sie wollte aussteigen.
Es war dunkel.
Ich habe sie festgehalten.“
„Du hast sie zum See gebracht“, sagte Dominik.
Vincent sah ihn nicht mehr an.
„Dein Vater wusste, warum ich die falsche Richtung nahm.“
Damit ging er.
Er hatte nicht erklärt, was am Ufer passiert war.
Aber das Wenige, das er eingeräumt hatte, machte seine frühere Behauptung eines offenen Gartentors endgültig unhaltbar.
Noch am selben Abend übergab Dominik der Polizei die Geschäftsunterlagen, die sich auf die Lieferungen bezogen.
Sein eigener Name stand auf einigen späteren Konten, weil er die Geschäfte nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte.
Judith warnte ihn, dass die Ermittlungen nicht vor seinen übrigen Tätigkeiten haltmachen würden.
„Dann sollen sie das nicht“, sagte er.
„Ich werde nicht noch jemanden belasten lassen, damit mein Name sauber bleibt.“
Bei Klara zu Hause schlief Bruno neben Samuels Sessel.
Samuel hatte inzwischen seine neue Aussage unterschrieben und war erstmals seit dem Besuch im Gewächshaus nicht mehr von einer Nacht voller Erinnerungen aufgewacht.
Klara zeigte ihm eine Zeichnung Emilias, die Teresa ihr als Kopie überlassen hatte.
Darauf führte Bruno ein kleines Mädchen durch eine offene Gartentür.
Darunter stand in kindlicher Schrift: *Mein Kapitän bringt mich immer heim.*
„Er hat es versucht“, sagte Samuel.
„Er hat neun Jahre nicht damit aufgehört.“
Am folgenden Morgen fand Seidel bei der Auswertung eines weiteren, inzwischen sichergestellten Ordners einen zusammengefalteten Zettel.
Er lag zwischen den Dienstanweisungen für die Nachtwache.
Der handschriftliche Vermerk trug die Unterschrift von Dominiks Vater und die Uhrzeit zweiundzwanzig Uhr elf.
*Mit der Anzeige warten, bis Vincent vom Nordweg zurück ist.*
Dominik las die Kopie zweimal.
Sein Vater hatte nicht nur auf den falschen Mann vertraut.
Er hatte den Beginn der Suche verzögert, während seine Tochter draußen in der Kälte war.
Wie sollte Dominik nun die Wahrheit über Emilia öffentlich machen, ohne sich auch der Schuld seines Vaters zu stellen?
Die Entscheidung fällt in Teil 6.













